denkmalbrief - News zum Thema denkmal

Schonende Entgiftung von Kunst- und Kulturgut



05/27/2010: Viele Kunstwerke aus organischen Materialien wurden früher zum Schutz vor Insektenbefall oder Pilzen mit chemischen Substanzen behandelt - so sollten sie länger erhalten bleiben. Doch einige dieser Stoffe sind weder "kulturgutfreundlich" noch umweltverträglich. Flüchtige Gase von Holzschutzmitteln und Insektiziden gefährden nicht nur den Konservierungszustand des empfindlichen Kulturguts. Auch für Museumsbesucher, Restaurator oder Denkmalpfleger sind sie akut gesundheitsschädigend. Der denkmalbrief befragte Martin Pracher, Geschäftsführer der ConsolidaS Kunst & Kulturgut GmbH, zur schonenden Entgiftung von Kunst- und Kulturgut.

Martin Pracher hat das Problem der Kontaminierung von Kunstwerken erkannt. Seit über einem Jahr konzentriert er sich mit seinem denkmalpflegerische Technologieunternehmen ConsolidaS in Scheßlitz (Bamberg) auf die aktive und passive Dekontaminierung von organischem Material.

denkmalbrief: Herr Pracher, neben der strukturellen Holz- und Steinkonservierung bieten Sie auch die Dekontaminierung von Kunstwerken an. Worum geht es dabei?

Martin Pracher: Es ist eine neue Disziplin, die sich mit einem altbekannten Problem befasst, das bisher einfach noch nicht gelöst ist. Es gibt eigentlich kein Kunstwerk oder organischen Gegenstand, der nicht mit Holzschutzmitteln oder allgemein mit Bioziden behandelt wurde. Das können zum Beispiel Textilien, Papier, Leder, Holz oder Mischmaterialien sein. Gegenstände wie Teppiche oder Wandgobelins, Tapeten, Bücher, aber auch hölzerne Innenausstattungen oder Möbelstücke in historischen Gebäuden, Dachstühle und Fachwerk sind davon betroffen.

Mittlerweile ist bekannt, dass die damals verwendeten Biozide für den Menschen durchaus gefährlich sind: Denn es sind vor allem Nerven- und Kontaktgifte wie PCP (Pentachlorphenol) und Lindan, die in Holzlasuren wie Xylamon oder Xyladekor enthalten waren. Diese Gifte werden entweder direkt von den mit Holzschutzmitteln behandelten Objekten ausgegast oder sie kontaminieren Stäube in der Umgebungsluft dieser Kunstgegenstände. Konvektion trägt den Staub in den Raum. Dort atmet ihn der Mensch ein oder nimmt ihn über die Haut auf. Die Folgen: akute Kopfschmerzen, Krämpfe, chronische Leber- und Nierenschäden.

denkmalbrief:Sie haben ein aktives und ein passives Dekontaminierungsverfahren entwickelt. Wie funktionieren diese beiden verschiedenen Methoden und für welche Bereiche können sie jeweils eingesetzt werden?

Martin Pracher: Mit der Vakuumdesorption ist es uns gelungen, die Giftstoffe aktiv und schonend aus den Kunstwerken zu extrahieren. Diese Entgiftungsmethode ist ausschließlich für mobile Objekte möglich, die durchaus großformatig sind (max. 3 x 7 m). Sie werden in Vakuumkammern auf dem Gelände der ConsolidaS entgiftet. In den Kammern herrschen stabile klimatische Bedingungen. Hier verändern wir die Umgebungsparameter (moderate Wärme, Luftdruck usw.) des Kunstwerks, um die Biozide schneller abzugasen. Diese abgegasten Biozide werden dann in Filtern gesammelt und separat entsorgt. Die gezielte Prozesssteuerung und Veränderung der Umgebung beschleunigen die natürliche Abgasung der Biozide. Das passive Verfahren ist dagegen für immobile Objekte und verbaute Gebäude- und Architekturteile wie Dachstühle, Fachwerk und Parkettböden geeignet. Hierzu verwenden wir hochadsorbierende Permasorb© Filtertextilien, die ursprünglich in der Rüstungstechnologie eingesetzt wurden und Schadgase adsorbieren. Diese Adsorber umhüllen zum Beispiel Kunstwerke, die von Bioziden und Schadgasen in der Luft umgeben sind. Sie eignen sich auch für Objekte, die zwar selbst nicht aktiv entgiftet werden können – weil sie zu groß oder unbeweglich sind – bei denen aber dennoch eine Filterung stattfinden soll.

denkmalbrief: Wie funktionieren diese Filtertextilien?

Martin Pracher: Zum Beispiel ist es manchmal fast unmöglich, ein dicht zugestelltes Museumsdepot zu betreten, weil darin eine zu hohe Schadgaskonzentration herrscht. Hier kann man die Objekte in Hüllen aus Permasorb© Adsorbern verpacken. Die Raumluft wird sich verbessern. Dadurch kann der Restaurator mit den Gegenständen umgehen und sich eine Strategie zur aktiven Entgiftung überlegen. Außerdem ist es möglich, dass System als dauerhafte Lösung am Objekt zu belassen. Aufnahmekapazität und Belegung der Textiladsorber werden individuell immer höher eingestellt als die maximale Ausgasung im Objekt. Selbst wenn das Kunstwerk sämtliche Biozide über einen gewissen Zeitraum hinweg verlieren sollte, ist das Filtertextil immer noch aufnahmefähig. Zudem sind die Adsorber wasserdampfdiffusionsfähig. Als reversibles System beeinträchtigen sie das Objekt nicht.

denkmalbrief: Sind die Kunstwerke auch nach der Dekontaminierung langfristig gegen Insektenbefall geschützt?

Martin Pracher: Ja. Unser Ziel ist es, bei der Entgiftung eine Minderbelastung zu erreichen. Es gibt gewisse Grenzwerte, die entweder gesetzlich vorgeschrieben oder von Baubiologen empfohlen sind. Selbst wenn diese Minderbelastung erreicht ist, enthält das Kunstwerk immer noch genügend Biozid, um Schädlinge fernzuhalten.

denkmalbrief:Wie werden die Verfahren von der Restaurierungswelt angenommen?

Martin Pracher: Natürlich darf man nicht vergessen, dass die Gefahr der Biozidbelastung ungern thematisiert wird. Der Grund dafür: Jedes betroffenes Gebäude und Museum sowie viele Kunstwerke müssten regelrecht als »Giftmüll« deklariert werden. Davon abgesehen, nehmen die Beteiligten die Verfahren sehr gut an. Seitens der Restauratoren besteht ein großes Interesse.

Ausführliche Informationen zum aktiven und passiven Dekontaminierungsverfahren von Kunstwerken oder zur strukturellen Konsolidierung von Holz- und Steinobjekten, sind unter www.consolidas.com erhältlich. Interessenten können ihre Anfrage auch direkt an pracher@consolidas.com senden.


Aktive Entgiftung einer Truhe von 1616 mit hoher PCP- Belastung durch Vakuumdesorption in der Dekontaminierungskammer.
Foto/© Consolidas Kunst und Kulturgut GmbH



Permasorb© Filtertextilien als Gemäldehusse. Der Stoff ist Wasserdampfdiffusionsfähig und adsorbiert Schadgase.
Foto/© Consolidas Kunst und Kulturgut GmbH



weiterführende Links zu diesem Thema:
> www.consolidas.com
> E-Mail Martin Pracher


(Quelle: Redaktion RESTAURO)



weiterführende Links
zu diesem Thema:


> www.consolidas.com
> E-Mail Martin Pracher


Branchen-News


Aktuell und schnell

Spektakuläre Sanierungsprojekte, innovative Restaurierungsmethoden, Bezugsquellen für historische Baustoffe: der "denkmalbrief" versorgt Sie monatlich mit aktuellen Branchen-News. Natürlich kostenlos! Damit Sie weiterhin aktuell informiert bleiben, fix anmelden!


Aktuell > News