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Architektur seltener ukrainischer Holzkirchen erforscht



07/06/2010: Sein mobiles Gerüst reichte nicht bis in die Turmspitze, also musste Andrij Kutnyi klettern. Für die Erforschung bedrohter Holzkirchen in der Ukraine war voller Körpereinsatz gefordert. Stundenlang hockte der ukrainische Architekt in einem niedrigen Hohlraum und vermaß den Kirchturm, um einen architektonischen Schatz ans Licht der Öffentlichkeit zu heben. Die mühevolle Arbeit hat sich auf doppelte Weise ausgezahlt: Für seine Dokumentation hat Kutnyi im Juni nicht nur den "European Union Prize for Cultural Heritage" der Europa Nostra Awards erhalten. Seine Arbeit könnte auch dazu beitragen, dass die seltenen Holzbauwerke ins Weltkulturerbe aufgenommen werden.

Seit dem späten Mittelalter haben die Völker der Karpaten Kirchen gebaut, die von der Schwelle bis zur Spitze aus Holz bestehen. Entstanden ist eine Vielfalt an sakraler Holzarchitektur, die in Europa einmalig ist - und dennoch bislang kaum beachtet wurde. Heute sind viele Bauwerke von Einsturz, Abriss oder Umbauten gefährdet.

Rund 2.500 Holzkirchen, gebaut vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert, stehen in den Karpaten, etwa 1.000 davon im ukrainischen Teil, einem Gebiet von der Größe Bayerns. "Das sind baugeschichtlich äußerst wertvolle Sakralbauten, die europaweit einzigartig sind", sagt Kutnyi. Nur in Norwegen ist ansonsten eine nennenswerte Zahl an Kirchen erhalten, die nicht aus Stein, sondern aus Holz errichtet wurden - allerdings auch nur noch rund 30.

Nicht nur ihre Menge, vor allem ihre Vielfalt macht die Gotteshäuser zu bedeutenden Kulturdenkmälern: Jede Bevölkerungsgruppe baute in ihrer eigenen Formensprache. Die Boiken etwa krönten ihre Kirchen mit drei achteckigen, gestuften Kuppeln, die in einer Zwiebel enden. Die Kirchen im Südwesten der ukrainischen Karpaten sind dagegen mit einem Satteldach gedeckt, aus dem ein einzelner spitzer Turm herausragt. Am Osthang des Gebirges wiederum sind sie äußerlich kaum von Bauernhäusern zu unterscheiden.

Erforscht wurden die Sakralbauten im Westen der Ukraine allerdings bislang kaum. Weder das Alter oder die verwendeten Holzarten noch die Werktechnik, in der die Dorfbewohner die Kirchen errichteten, waren bekannt. Drei Jahre lang nahm Andrij Kutnyi eine Vielzahl an Objekten in Augenschein, sechs Kirchen untersuchte er exemplarisch bis ins kleinste Detail: Er dokumentierte jeden Balken der Konstruktion, ließ Materialproben im Labor analysieren und prüfte den aktuellen Zustand der Bausubstanz.

"Es ist erstaunlich, wie die Erbauer mit primitiven Mitteln äußerst anspruchsvolle Konstruktionen bewerkstelligt haben", resümiert Kutnyi. Im Unterschied zu den norwegischen Stabkirchen wurden die von ihm untersuchten rund 7,5 bis 60 Meter hohen Gebäude überwiegend in Blockbauweise errichtet. "Die Kirche in Isaji aus dem 17. Jahrhundert besitzt eine der weltweit ältesten achteckigen Blockholzkuppeln - eine technische Meisterleistung", betont Kutnyi.

In den Karpatenregionen der Nachbarländer Polen, Rumänien und Slowakei wurden bereits mehrere Holzkirchen in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen. "In der Ukraine sind entsprechende Vorschläge bislang nicht nur deshalb gescheitert, weil die Regierung andere Probleme hat", sagt Kutnyi über sein Heimatland. "Voraussetzung für die Ernennung ist auch die gründliche Erforschung der Kulturgüter." Andrij Kutnyis Arbeit könnte deshalb ein entscheidender erster Schritt auf dem Weg zum Weltkulturerbe sein.

Am 10. Juni ist der an der Technischen Universität München tätige Forscher für seine wissenschaftliche Arbeit in Istanbul von der EU-Kommission und der Denkmalschutzorganisation Europa Nostra mit einem von 29 Europa Nostra Awards, dem European Union Prize for Cultural Heritage, ausgezeichnet worden. Seine Forschungsergebnisse sind 2009 in Form einer reich illustrierten hochwertigen Buchpublikation veröffentlicht worden, die unter www.restauro.de direkt über den Callwey Verlag zu beziehen ist.

Andrij Kutnyi, Sakrale Holzarchitektur in den Karpaten. Bauforschung an ausgewählten Beispielen in der West-Ukraine, Callwey, München 2009

Kontakt für Rückfragen:
Dr. Andrij Kutnyi, Technische Universität München,
E-Mail: andrij.kutnyi@lrz.tum.de


Abb. oben:
Andrij Kutnyi, TU München, dokumentiert die Konstruktion einer Holzkirche in den ukrainischen Karpaten.
Foto: A. Kutnyi, TUM

Abb. unten:
Andrij Kutnyi, TU München, vermisst eine Holzkirche in den ukrainischen Karpaten.
Foto: A. Kutnyi, TUM

(Quelle: RESTAURO, Callwey Verlag)



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