denkmalbrief - News zum Thema denkmal

Denkmalschutz in Polen: Zwischen Leuchttürmen, Kommerzialisierungsgefahr und Spitzen-Know-how



08/03/2010: Polen ist das Partnerland der diesjährigen denkmal, Europäische Messe für Restaurierung, Denkmalpflege und Altbausanierung. Das Land präsentiert vom 18. bis 20. November 2010 in Leipzig einen umfangreichen Überblick über sein international hoch angesehenes Know-how beim Denkmalschutz.

Nach 1990 begann mit der Dezentralisierung staatlicher Strukturen ein tiefgreifender Wandel in der Kulturpolitik und damit auch in der Denkmalpflege. Kompetenzen gingen auf regionale Ebenen wie Woiwodschaften (vergleichbar in etwa mit der Struktur deutscher Bundes-länder, aber ohne eigene Gesetzgebung), auf Kreise und Kommunen über. Auch die Fachaufsicht für Denkmalpflege wurde dezentral auf die Denkmalbehörden der Woiwodschaften übertragen. Gleichzeitig verloren die Denkmalämter ihre bisherige fachliche Unterstützung der Studien- und Dokumentationszentren.

Mit dieser Entwicklung veränderte sich der Status von Kulturdenkmalen in Polen: Sie waren nicht länger Träger und Bewahrer der nationalen Identität, sondern bekamen eine eher regionale Bedeutung, die Orte oder Gebiete von anderen abhebt und den Tourismus ankurbeln. Private Investoren engagieren sich vor allem dort, wo Denkmalobjekte kommerziell genutzt werden können, zum Beispiel wenn es um Hotels, Tagungsstätten oder gastronomische Einrichtungen geht oder bei der Umwandlung von Industriedenkmalen in Lofts oder Einkaufsgalerien. Ein Beispiel dafür ist das Einkaufszentrum "Alte Brauerei" in Poznan (Posen), das 2003 eröffnet wurde.

Die Bewahrung des kulturellen Erbes in Polen hat insgesamt einen hohen Stellenwert. Mit dem Denkmalschutzgesetz von 2003 wurde eine modernere rechtliche Grundlage geschaffen. Auch die 2004 beschlossene "Nationale Strategie der Kulturentwicklung" ist ambitioniert und langfristig angelegt. Die Umsetzung in der Praxis ist allerdings oft problematisch, weil es im Detail an verbindlichen Regelungen fehlt. Auch ein Reprivatisierungsgesetz gibt es trotz mehrerer Anläufe in Polen noch nicht. Laut Denkmalschutzgesetz ist der Eigentümer des Kulturdenkmals zu dessen Erhaltung verpflichtet, doch viele der nach dem Zweiten Weltkrieg enteigneten Baudenkmäler sind noch immer in Staatsbesitz, werden oft nicht angemessen gepflegt und drohen deshalb zu verfallen.

Von staatlicher Seite gab es 2009 ein Denkmalschutz-Budget in Höhe von 15 Millionen Euro, die Woiwodschaften erhalten jährlich rund 10 Millionen Euro. Außerdem stehen verschiedene EU-Fördertöpfe zur Verfügung, zum Beispiel Programme zum Schutz und zur Pflege von Kulturerbe mit überregionaler oder gesamteuropäischer Bedeutung. Zuschüsse für konservatorische Maßnahmen gibt es auch direkt für Bauherren, so im Rahmen des Programms "Kulturerbe - Denkmalschutz" des Ministeriums für Kultur und nationales Erbe. Denkmaleigentümer können zudem von der Immobiliensteuer befreit werden.

Denkmalschutz für das Chopin-Jahr 2010

Geeignete finanzielle, aber auch gesetzliche und programmatische Rahmenbedingungen für den Denkmalschutz zu schaffen, obliegt dem polnischen Ministerium für Kultur und nationales Erbe. Innerhalb des Ministeriums gibt es einen Generalkonservator, der in der Position eines Unterstaatssekretärs verantwortlich für gelistete Denkmäler sowie für die Qualität der Erhaltungsarbeiten ist. Daneben besitzen auf nationaler Ebene die Kultur- und Medienausschüsse beider Parlamentskammern Kompetenzen bei der Erhaltung des kulturellen Erbes. Auf der mittleren Ebene arbeiten 16 woiwodschaftliche Denkmalkonservatoren - mit eigenem Haushalt für die Förderung denkmalpflegerischer Projekte. Auf der untersten Ebene können auch die Gemeinden über Denkmalschutzprojekte entscheiden und sie aus ihrem Haushalt finanzieren. Zudem verfügt die polnische Kirche über eigene Konservatoren, die mit den staatlichen Behörden zusammenarbeiten.

Aktuell ist das wichtigste Denkmalschutz-Projekt, das nicht nur polnische, sondern auch internationale Relevanz besitzt, das Programm zur Konservierung und Revitalisierung von Objekten, die mit Frédéric Chopin verbunden sind. Anlass ist der 200. Geburtstag des polnischen Komponisten und Pianisten in diesem Jahr. Zu den wichtigsten Projekten gehören dabei das Chopin-Museum im Ostrogski-Palast in Warschau, das Museum und der Park in Żelazowa Wola und die Kirche in Brochów.

Preisgekröntes und international gefragtes Know-how

Das wissenschaftliche Herz der polnischen Denkmalpflege ist das "Nationale Zentrum für Denkmalforschung und -dokumentation", das unter anderem das zentrale Kulturdenkmalregister führt und neue Methoden zum Schutz und zur Förderung des polnischen Kulturerbes entwickelt. Know-how auf diesem Gebiet kommt auch aus Leipzig: Das Fraunhofer Zentrum Mittel- und Ost-europa unterstützt internationale Forschungsprojekte mit polnischen Partnern, die durch die Entwicklung neuer Technologien zum Erhalt von Kulturerbe beitragen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Restaurierung von Bau-denkmälern und Kunstwerken sowie der energieeffizienten Raum-klimaoptimierung für die fachgerechte Aufbewahrung mobilen Kulturerbes.

Umgekehrt ist auch das Know-how polnischer Restauratoren international anerkannt und gefragt, zum Beispiel bei besonders komplexen Projekten. Heute wird neben der komplexen architektonischen Restaurierung von Baudenkmalen immer mehr die handwerkliche Restaurierung von Einzelobjekten zur polnischen Spezialität, zum Beispiel von Skulpturen, Wandmalereien, Gemälden, architektonischen Details, Papier, Gewebe, Kunst- und Handwerksgegenständen. Dabei werden modernste Techniken eingesetzt. Eine Besonderheit des polnischen Kulturerbes ist die hohe Anzahl von Sakralbauten aus Holz, von denen die ältesten aus dem 15. Jahrhundert stammen. Deswegen haben polnische Konservatoren einen großen Erfahrungsschatz bei der Restaurierung solcher Objekte. Unter den in Polen entwickelten Restaurierungstechnologien ist eine besonders interessant: das weltweit einzigartige und patentierte nicht-invasive Verfahren zur Entfernung von festen Mörtelschichten an Mauerwerken aus Ziegelstein, entwickelt von dem polnischen Konservator Bogusław Kornecki. Für seine konservatorischen Vorteile – wie die Erhaltung der Sichtschicht des Ziegelsteins – erhielt er zahlreiche internationale Preise.


(Quelle: Leipziger Messe)


NEWSLETTER

denkmalbrief

Wir versorgen Sie mit aktuellen Branchen-News.

Natürlich kostenlos! Damit Sie aktuell informiert bleiben.

» JETZT anmelden

Aktuell» News