08/03/2010:
Neu trifft alt, neuste Forschung trifft auf Mittelalter. So lässt sich das Forschungsprojekt beschreiben, das zwei Jahre lang im Erfurter Dom lief und am 30. April 2010 endete. Es widmete sich der Konservierung der mittelalterlichen Glasmalereien auf den Fenstern im Domchor.
Der Hohe Chor des Erfurter Domes enthält einen wertvollen Glasmalereizyklus aus dem 14 Jahrhundert. Doch die auf 13 Fenster verteilten Glasmalereien sind in vielfältiger Weise geschädigt. Ursachen sind neben der Korrosion und schlechten Umweltbedingungen auch frühere Restaurierungsmaßnahmen - insbesondere die Verwendung von Zaponlack. Das fanden Experten der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung aus Berlin heraus. Sie waren mit Fachleuten der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Nicole Sterzing, Diplom-Restauratorin für Glasmalerei und Glasfenster, sowie dem Ingenieurbüro für Bauwerkserhaltung Weimar arbeiteten.
Die Materialforscher aus Berlin gingen vor allem dem Zaponlack auf den Grund. In den Jahren 1910/11 waren die Fenster an der Nordseite des Doms mit diesem Lack überzogen worden. Damit wollte man Retuschen an den Malereien sichern und Helligkeitsunterschiede ausgleichen, so die Experten. Es zeigte sich jedoch, dass sich mit der Lackschicht teilweise auch die Farbe ablöste. Frühere Versuche, diese Schäden zu beheben schlugen fehl. Wie also umgehen mit dem tückischen Lack? Die Berliner Fachleute fertigten Probestücke an und trugen den Lack auf. Innerhalb weniger Tage ließen sie ihn in Klimaschränken um Jahrzehnte altern, um dann verschiedene chemische Mittel zu seiner Entfernung auszuprobieren - ohne jedoch die Farbe anzugreifen. Nun wünschen sich die Wissenschaftler und Glasrestauratoren, dass ihr Mittel bessere Ergebnisse erzielt als der ausgemerzte Lack.
Doch es gab auch andere Gründe für die Schädigung der Fernster, zum Beispiel Umwelteinflüsse oder klimatische Faktoren. Restauratorin Scherzing verglich dazu die Schäden an den Domfenstern mit denen an Scheiben, die Anfang des 19. Jahrhunderts verkauft wurden. Die Glasmalereien landeten in bedeutenden Museen weltweit, wo sie unter besten klimatischen Bedingungen aufbewahrt wurden und von Restaurierungsmaßnahmen verschont blieben. Die Folge: Sie wiesen im Gegensatz zu den im Erfurter Dom verbliebenen Glasscheiben kaum Verwitterungsschäden auf. Es stellte sich heraus, dass die Korrosion erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert einsetzte. Zudem problematisch ist die hohe Luftfeuchtigkeit im Dom. Die Untersuchungen ergaben ebenfalls, dass sich die Umweltbedingungen für die Domfenster heute verbessert haben - auch die Autoabgase schaden ihnen nur gering.
Aufnahmen eines 3-D-Scanners der Universität Bamberg dokumentierten den Zustand der Scheiben vor und nach der Restaurierung. Der 3-D-Scanner, der eigentlich für den Automobilbau entwickelt wurde, hielt jede Erhebung auf der Oberfläche fest - im Submillimeterbereich. So können die folgenden Generationen von Restauratoren genau nachvollziehen, was sich im Laufe der Jahre verändert hat.
Abbildungen:
oben
Erfurter Dom, Feld nII 1b
Einzug in Jerusalem, Glasinnenseite im Durchlicht
Beide Abbildungen verdeutlichen die unterschiedlichen Erhaltungszustände.
Foto/©: Nicole Sterzing
unten
Bayrisches Nationalmuseum München, Feld nIV 1d (ehemalige Position im Erfurter Dom)
Evangelist Markus, Glasinnenseite im Durchlicht
Foto/©: Nicole Sterzing
(Quelle: RESTAURO, Callwey Verlag)