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Backsteinarchitektur im Spannungsfeld von Denkmalpflege und touristischer Erschließung



08/03/2010: Wenn vom 18. bis 20. November 2010 in Leipzig die denkmal, Europäische Messe für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbausanierung stattfindet, werden vor allem "Backsteine, Ziegel und Klinker in der Architektur der Jahrhunderte" im Blickpunkt stehen. Was macht die Backsteinarchitektur so interessant, dass sie zum Schwerpunkt-thema der denkmal avanciert ist?

Aktuell geht jedes Land mit der Backsteinarchitektur auf seine Weise um, selbst innerhalb der beteiligten deutschen Bundesländer gibt es aufgrund der Denkmalschutz-Gesetzgebung auf Länderebene keine bundeseinheitlichen Richtlinien oder Standards. Dabei existiert bereits ein multinationales Projekt, das die Backsteinarchitektur in den Fokus rückt: die Europäische Route der Backsteingotik (EuRoB). Die Kultur- und Tourismus-Route verbindet Zeugnisse der typischen Backstein-Baukultur der mittelalterlichen Hanse von Dänemark über Deutschland und Polen bis ins Baltikum und nach Schweden.

Klöster und Rathäuser, Stadttore und Mauern, Hallenkirchen und Basiliken aus den charakteristischen, von Hand gefertigten roten Ziegeln erinnern noch heute an Macht und Reichtum der Hansestädte des 13. bis 16. Jahrhunderts. Damals wie heute sind sie Landmarken und Wahrzeichen vor allem der Ostsee-Region, stiften Identität und sind oft das älteste sichtbare Kulturerbe. "Für dieses Erbe wollen wir das Bewusstsein der europäischen Öffentlichkeit schärfen. Wir setzen uns für dessen Bewahrung und eine kulturelle und touristische Erschließung ein", sagt Dipl.-Ing. Christoph Pienkoß vom Verein der Europäischen Route der Backsteingotik, der vor allem kultur- und geschichtsinteressierte Erlebnisurlauber und Radtouristen ansprechen will.

Widerspruch zwischen Denkmalpflege und Tourismus?

Die attraktivsten Ziele der Europäischen Route der Backsteingotik werden in einem Reiseführer enthalten sein, den der Verein im Spätsommer herausgeben will. Dabei ist Christoph Pienkoß durchaus bewusst, dass es Kritiker gibt, die einen Widerspruch zwischen der touristischen Vermarktung der Backsteinarchitektur und der Denkmalpflege sehen. Dieses Spannungsfeld will der Verein deshalb auf der denkmal 2010 diskutieren. Pienkoß selbst sieht mehr Potenziale als Probleme und ist davon überzeugt, dass die Denkmalpflege sogar von der touristischen Nutzung profitiert.

"Ein Beispiel für positive Wechselwirkungen ist die Marienkirche in Parchim", erzählt er. "Dort wurde vor Kurzem bei einer dendrochronologischen Untersuchung der Dachstuhl auf das Ende des 13. Jahrhunderts datiert – und war somit 100 Jahre älter als vermutet. Um dieses Highlight Besuchern nahezubringen, wurde ein Weg in den Dachstuhl eingebaut, der geführte Besichtigungen ermöglicht. Die verstärkte Aufmerksamkeit durch Bevölkerung und Touristen hatte schon vorher zur Aufnahme der Backsteinkirche in das Förderprogramm des Bundes für Denkmale von Nationaler Bedeutung und eine Finanzspritze für die denkmalgerechte Restaurierung geführt."

Sanierungsstau in kleineren Orten und auf dem Land

Und solche Mittel werden überall dringend gebraucht, gerade auch bei Bauten fernab der bekannten Touristenstädte. Pienkoß: "Auch wenn die Backstein-Hülle meist noch gut erhalten ist, so gibt es oft umso mehr bei Fenstern, Innenausstattung, Ausmalungen und Orgeln zu tun. Große Kirchen sind da oft schon auf einem guten Weg, wie die Georgenkirche in der Altstadt von Wismar." Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte und zu DDR-Zeiten zur Ruine verkommene Bauwerk – seit 2002 als Teil der Altstadt von Wismar auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes – wurde in den vergangenen 20 Jahren wieder aufgebaut und im Mai 2010 als Gotteshaus und Kulturkirche neu in Betrieb genommen. Im Gegensatz zu solchen Leuchttürmen bestünde in kleineren Städten und erst recht in ländlichen Regionen noch ein riesiger Sanierungsstau bei Backsteingebäuden, so Pienkoß.


(Quelle: Leipziger Messe)


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