Denkmalschutz in der Praxis: Tapisseriewaschanlage im Schloss Schönbrunn, Wien



05/10/2012: Die Wiener Textilrestauratorin Hilde Neugebauer betreibt seit 2007 Europas größte Aerosolwasch-Anlage für historisch wertvolle Textilien wie Tapisserien, Tapeten und Flachgewebe auf dem Gelände des Schlosses Schönbrunn. Die Projektdirektorin der denkmal, Kersten Bunke-Njengué, hatte am 22. März 2012 die Gelegenheit, die Waschanlage auf dem Schönbrunner Schlossareal live und in Betrieb zu erleben: Zwei Tapisserien aus dem Besitz der Fürstlichen Sammlung Liechtenstein waren gerade in der Nassreinigung. Während das Aerosol gesprüht wurde, konnte Frau Bunke-Njengué mit Betreiberin Hilde Neugebauer sprechen, die zudem Lehrbeauftragte an der Universität für Angewandte Kunst Wien - Fachrichtung Textilrestaurierung ist.

Frau Neugebauer, was ist das Besondere an Ihrer Aerosolreinigungsanlage?

Hilde Neugebauer: „Mehrere Punkte machen unsere Waschanlage besonders. Einmal die Lage hier auf dem Gelände von Schloss Schönbrunn, ein klarer Standortvorteil, so befindet sich zum Beispiel das Restaurierungsatelier nur wenige Schritte entfernt.

Ein zweiter Punkt ist die die gute Wasserqualität: Wir arbeiten hier mit Wiener Hochquellwasser, das mit durchschnittlich 325 µS aus der Leitung kommt und mittels Osmoseanlage auf 9 µS de-ionisiert werden kann. Je nach restauratorischer Notwendigkeit oder auf direkten Wunsch des Kunden können wir das Wasser auf bis zu 260 µS mischen. Ein Vorteil ist des Weiteren der Einsatz geringer Wassermengen, so sind nur 30 l/h für das gesamte Volumen der Anlage notwendig, was auch den Fasern des Textils zuträglich ist, da diese dadurch kaum quellen.

Ebenfalls sehr vorteilhaft ist die Größe der Anlage, da diese eine schonende, farb- und formerhaltende Nassreinigung auch großformatiger Textilobjekte ermöglicht. Die Objekte werden während des Reinigungs- und Trocknungsvorgang nicht bewegt und sind damit keiner mechanischen Belastung ausgesetzt.

Daneben profitieren die Auftraggeber auch von unserer langjährigen Berufserfahrung und der engen, interdisziplinären Zusammenarbeit mit anderen Restauratoren. Die fachgerechte und professionelle Begutachtung des IST-Zustandes der Objekte - das Konservatorische - steht für mich immer im Vordergrund unserer Arbeit.

Eine weitere Besonderheit ist die Möglichkeit für Textilrestauratoren sich in unsere Anlage einzumieten oder bei der Reinigung ihres Objektes direkt mitzuarbeiten.“




Fotos: Nach der Reinigung werden die Tapisserien aus dem Besitz der Fürstlichen Sammlung Liechtenstein zur Trocknung mit Frotteetüchern und einer luftdichten Plastikfolie abgedeckt. © Leipziger Messe


Und wie funktioniert das Verfahren konkret?

Hilde Neugebauer: „Zusammengefasst ist das Verfahren eine langsam abgestufte Wasserbehandlung, die eine permanente Kontrolle ermöglicht und gegebenenfalls unterbrochen werden kann. Um möglichen Deformierungen vorzubeugen, sorgt während der Reinigung ein permanenter Unterdruck für die Fixierung des Gewebes auf dem engmaschigen Edelstahlsieb.

Die an der Decke angebrachten Düsen versprühen gleichmäßig und flächendeckend das Wasser als Aerosol (Wasserluftgemisch-Nebel). Die feinen Wassertropfen durchdringen das alte Gewebe und nehmen den Schmutz mit, ohne den Stoff richtig nass zu machen.

Die Reinigung verläuft als kontinuierlicher Prozess, bei dem immer wieder Aerosol gesprüht und abgesaugt wird, währenddessen sich der Schmutz nach und nach löst und senkrecht nach unten abgeleitet wird. Die Gefahr des bei herkömmlichen Reinigungsverfahren auftretenden seitlichen Auslaufens der Farben, Verformungen oder gar Beschädigungen der sensiblen textilen Struktur sind dadurch praktisch ausgeschlossen.

Je nach Verschmutzungsgrad des textilen Gewebes wird manchmal der gezielte, minimale Einsatz von reinem Tensid notwendig. Dieses kann partiell aufgetragen werden oder aber kurzzeitig mit dem Aerosolnebel vermischt über die gesamte Anlage versprüht werden

Nach Abschluss des Reinigungsprozesses wird dann das Gewebe zweimal mit Frottee-Tüchern zugedeckt und darauf eine luftdichte Plastikfolie gelegt. Der Unterdruck arbeitet daraufhin fünf Minuten lang mit voller Kraft, wodurch dem Gewebe das Wasser entzogen wird, was zur annähernden Trocknung führt. Bis zum völligen Trocknen dauert es ca. vier bis sechs Stunden bei einer Umlufttemperatur von 23-25° C.“

Frau Neugebauer, was erwartet die Besucher auf der denkmal 2012?

Hilde Neugebauer: „Wir stellen erstmals auf der denkmal in Leipzig aus und bringen ein Modell der Aerosolwasch-Anlage mit. Damit möchten wir unseren potenziellen Kunden ein Gefühl für die Anlage und deren Wirkprinzip vermitteln. Daneben nutzen wir die Europäische Leitmesse, um unsere Anlage kontinentweit bekannter zu machen und entsprechende Aufträge zu generieren. Wir freuen uns schon auf eine interessante denkmal mit vielen Fachgesprächen und internationalen Kontakten, aber auch hilfreichen Anregungen von unseren Restauratoren-Kollegen.“

Herzlichen Dank für das Gespräch und die Live-Demonstration in Ihrer Waschanlage.


Technische Angaben zur Aerosol-Anlage mit Unterdruckauflagefläche

  • Maße der Unterdruckauflagefläche: 8,00 m x 5,40 m
  • maximal zu erzeugender Unterdruck während der Reinigung: 30-60 bar
  • dreistufige Einstellung des Leitwert des Wassers
  • regelmäßige pH-Wert-Messung des Abwassers
  • Wassertemperatur ca. 20-24 °C (entspricht der Raumtemperatur)
  • Erwärmen der Innenraumtemperatur bis max. 26 °C und schnelles Entfeuchten der Umluft bei der Trocknung
  • Arbeiten am Objekt sind von einer 5,40 m breiten, verschiebbaren Brücke möglich

Auszug aus der Referenzliste
  • Tapisserien aus der fürstlichen Sammlung Liechtenstein, Vaduz
  • Kasseler Türkenzelt mit Walmdach (dreidimensionales Textilobjekt)
  • Kaiserstores Schloss Schönbrunn (siehe Seitenende)
  • Spannteppich (19. Jahrhundert) Hofburg Innsbruck
  • Mittelalterliche Tapisserie aus St. Blasius, München
  • Stofftapeten Roter Salon Schloss Esterhazy, Eisenstadt
  • Teppiche vor Papstbesuch Stift Heiligenkreuz
  • Tapisserien aus dem Napoleonzimmer Schloss Schönbrunn, KHM Wien
  • Tapisseriefolge Stift Garsten
  • Tapisseriefolge Stift Kremsmünster
  • Tapisserie Entwurf Herbert Boeckl, Stadthalle Wien
  • Türkenzelt Sammlung Fürst Esterházy, Burg Forchtenstein
  • Kaiserstores Schloss Schönbrunn und Präsidentschaftskanzlei Wien
  • Teppich aus dem Wienmuseum
  • Biedermeierkleid aus der Modesammlung Wienmuseum

    weiterführende Links zu diesem Thema:
    > www.aerosolreinigung.eu


    (Quelle: Leipziger Messe / Hilde Neugebauer, Textilrestauratorin in Wien)


weiterführende Links
zu diesem Thema:


> www.aerosolreinigung.eu

NEWSLETTER

denkmalbrief

Wir versorgen Sie mit aktuellen Branchen-News.

Natürlich kostenlos! Damit Sie aktuell informiert bleiben.

» JETZT anmelden

Aktuell» News