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    Tsingtau - Qingdao

    Ein deutsches Architektur-Erbe aus wilhelminischer Zeit unter chinesischem Denkmalschutz

    10.11.16 | 11:45 – 12:15 Uhr

    Veranstaltungsart
    Vortrag
    Veranstaltungsort
    Halle 2 - INFO-FORUM
    Thema
    Programm im INFO-FORUM
    Zielgruppe
    Architekt / Planer / Ingenieur, Restaurator im Handwerk, politische und fachliche Persönlichkeiten, Institutionen / Stiftungen, Restauratoren, Ämter / Behörden / Öffentliche Einrichtungen, Archäologe, Aus- und Weiterbildung / Forschung / Entwicklung, Bauindustrie, Bau- und Sanierungsträger, Bauindustrie, Bauherr / Eigentümer / Investor, Denkmalpfleger, Denkmalbehörden, Baustoff-Fachhandel, Handwerk / Bauhandwerk, Ehrenamtliche, Presse, junge Fachbesucher / Azubis und Studenten, Lehmbau
    Inhalt:

    Nur wenige Deutsche wissen, dass die am Gelben Meer, an der Bucht von Kiautchou gelegene chinesische Millionenstadt Qingdao eine historische Altstadt besitzt, die ehemals das Zentrum der vom Deutschen Kaiserreich gegründeten Hafenstadt Tsingtau („Grüne Insel“) gewesen ist.

    Deutsche China-Reisende, die Qingdao besuchen, sind - wie weitgehend sie auch durch ihre Reiseliteratur vorbereitet sein mögen – in der Regel doch sehr überrascht von der Menge der noch erhaltenen Bauwerke aus der deutschen Vergangenheit, die sie hier, im Zentrum der Stadt, vorfinden: ganze Straßenzüge mit Geschäfts- und Verwaltungsbauten, das ehemalige Gouvernement-Amtsgebäude, die ehemalige Residenz des Gouverneurs, die evangelische Christus-Kirche, in der heute noch Gottesdienst abgehalten wird, Wohnviertel mit zahlreichen Villen des gehobenen Bürgertums, von Bäumen gesäumte Straßenzüge mit bequem ausgelegten Bürgersteigen, alte Straßengullys, die noch heute das Regenwasser in die darunter befindlichen, noch immer funktionierenden Kanalsysteme leiten, Zäune und Gartenmauern in vertrauter Gestaltung, ja sogar ein ehemaliges Strandhotel und nicht zuletzt die alte Germania Brauerei, die weiterhin ihr Bier produziert und heutzutage unter dem Namen „Tsingtao Beer“ in alle Welt exportiert. Zahlreiche weitere bauliche Zeugnisse jener Zeit ließen sich aufzählen. All dieses vermittelt das Bild einer Stadt wilhelminischer Epoche von einer Geschlossenheit, wie sie in Deutschland heutzutage längst nicht mehr zu finden ist.

    Zur Geschichte dieser Stadt hier in aller Kürze: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfolgte das Deutsche Reich das Anliegen, in China ein Gebiet zu erwerben, um seine Handelsinteressen in Ostasien wirksamer durchsetzen, entwickeln und schützen zu können. Nach einer am 14. November 1897 mit militärischen Mitteln durchgesetzten, rechtswidrigen Landnahme an der Bucht von Kiautschou, die man als Sühneaktion für die Ermordung von zwei Missionaren zu rechtfertigen suchte, folgte noch im selben Jahr die Gründung der Stadt Tsingtau. Sie sollte als Flottenstützpunkt für das Ostasiatische Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Reichsmarine dienen, um hier, in einem eigenen Hoheitsbereich, die Handels- und Kriegsschiffe mit Nachschub autonom versorgen und gegebenenfalls reparieren zu können. Zugleich sollte die Stadt die Funktion des Verwaltungssitzes für das 550 qkm umfassende Deutsche Schutzgebiet Kiautchou erhalten. Die völkerrechtliche Basis bildete der mit der chinesischen Regierung im Nachhinein abgeschlossene, mit politischem Druck durchgesetzte Pachtvertrag vom 6. März 1898, der die Pachtzeit allerdings auf 99 Jahre beschränkte.

    Im Gegensatz zu den anderen Kolonien des Kaiserreiches besaß das Gebiet von Kiautschou einen Sonderstatus. Es war nicht, wie die anderen Kolonialgebiete, der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes unterstellt, sondern dem Reichsmarineamt. „Tsingtau war also keine Kolonialstadt, sondern ein von der Marine militärisch genutztes und verwaltetes Schutzgebiet mit nachgeordneten Handelsfunktionen“ (Dr.-Ing. Gert Kaster, in: Denkmal Nr.18, 2011), über welches das Deutsche Kaiserreich auf Grund des Pachtvertrages seine Hoheit nur für eine befristete Zeit würde ausüben können. Schon wenige Jahre nach seiner Gründung, gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde Tsingtau am 7. November 1914 von einer Übermacht japanischer Truppen unter Beteiligung einiger britischer Einheiten nach mehrmonatiger Belagerung eingenommen. Die deutschen Verteidigungskräfte wurden in eine mehrjährige Gefangenschaft nach Japan überführt.

    In der außerordentlich kurzen Zeitspanne von nur 17 Jahren, zwischen seiner Gründung und der japanischen Eroberung, war es deutschen Städteplanern, Architekten und Ingenieuren sowie einer umsichtigen Verwaltung gelungen, auf dem dünn besiedelten Gebiet von Kiautschou eine Marine-, Handels- und Verwaltungsstadt nach den seinerzeit modernsten urbanistischen Gesichtspunkten zu planen und Schritt für Schritt aufzubauen. Es war der besondere Ehrgeiz des Deutschen Kaiserreichs, den Aufbau von Tsingtau, unter dem Blick der internationalen Öffentlichkeit, als eine Musterstadt zu präsentieren, als eine Leistungsschau deutscher Befähigung. Diese sollte sich nicht allein auf die ingenieurstechnischen Aufgaben zum militärischen und zivilen Auf- und Ausbau der Stadt und zur wirtschaftlichen Entwicklung des ganzen Schutzgebietes beschränken, sondern auch den Aufbau des Krankenhauswesens, von hygienischen Strukturen sowie von Bildungseinrichtungen und Ausbildungsstätten umfassen, nicht nur für die europäische sondern auch für die chinesische Bevölkerung. Gründung, Aufbau und Entwicklung von Tsingtau verliefen parallel zu einer lang anhaltenden Schwächung Chinas, das sich recht wehrlos gegen auswärtige Begehrlichkeiten, in einem tief greifenden, konfliktreichen gesellschaftlichen und politischen Umbruch vom Kaiserreich in eine Republik befand. China suchte den Anschluss an die Moderne, zum einen für den inneren wirtschaftlichen und technischen Aufbau seines Landes, zum anderen aber auch, um seine Souveränität und territoriale Integrität in Zukunft auf Augenhöhe mit den Fremdmächten angemessen behaupten zu können.

    Als Dr. Sun Yat-sen, der so genannte „Vater der Republik“, der erste, provisorische Staatspräsident der in Nanking im Dezember 1911 ausgerufenen Republik, am 28. September 1912 für einige Tage Tsingtau besuchte, pries er vor seinen Landsleuten das hohe Niveau des hier in kürzester Zeit Geschaffenen und betonte eindringlich dessen Vorbildcharakter, insbesondere den des Hygiene- und Bildungswesens, für den so dringend notwendigen Aufbau Chinas. Dr. Sun Yat-sen wird in China noch heute, sowohl in der Volksrepublik als auch in Taiwan, als eine herausragende Persönlichkeit verehrt, die dem Land in grundlegender Weise die Richtung in die Moderne gewiesen hat. Sein positives Urteil über das urbanistische, zivilisatorische und bildungswissenschaftliche Niveau der in kürzester Zeit in Tsingtau geschaffenen Einrichtungen mag sich noch heute in der besonderen Wertschätzung widerspiegeln, welche die vor mehr als 100 Jahren von Deutschen geschaffene Altstadt in China weiterhin erfährt.

    Das besondere Interesse der örtlichen Behörden an diesem baukulturellen Erbe zeigt sich ganz offiziell in der Maßnahme, dass diese Bausubstanz weitgehend unter Denkmalschutz gestellt wurde. Es zeugt von einer beeindruckenden Souveränität Chinas mit seiner rund 3000 Jahre alten Kulturtradition, dass es dieses baukulturelle Erbe einer letztlich doch kolonialen Vergangenheit nicht einfach ausgelöscht hat, sondern mit dem Blick auf gewichtige, zukunftsweisende Aspekte desselben in die Erinnerungskultur seiner eigenen Landesgeschichte einzubeziehen wünscht. Dabei ist die Kooperation mit deutschen Fachleuten der Denkmalpflege sehr willkommen. Einige wenige, doch wichtige Projekte hat es bereits gegeben. Eine Fortführung und der Ausbau solcher Aktivitäten scheinen sehr erwünscht. Davon hatte sich der Verfasser im vergangenen Herbst, bei einem Besuch in Qingdao/ Tsingtau, persönlich überzeugen können. Anlass war die Einladung zur Gründung eines „Zentrums für Chinesische und Deutsche Kulturen“ (ZCDK) mit Begegnungen, bei denen der Wunsch nach baugeschichtlich-denkmalpflegerischen Bildungsangeboten sehr konkret geäußert wurde.

    Dr.-Ing. Sebastian Storz

    Forum für Baukultur e.V., Dresden

    Veranstalter

    Forum für Baukultur e.V.
    Link: www.forum-fuer-baukultur.de
    Wiener Straße 54
    01219 Dresden

    Ansprechpartner

    Herr Dr. Ing. Sebastian Storz
    Telefon: 0351/ 476 900
    Fax: 0351/ 476 3153
    E-Mail: villa-salzburg.sebastian.storz@t-online.de

    Sprache
    Deutsch
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