Die Podiumsdiskussion beleuchtet dieses Modell aus drei Blickwinkeln.
Erstens die Lücke: Eigentümer traditioneller Gebäude wie Umgebindehäuser, Fachwerkhäuser oder alter Gehöfte haben oft Schwierigkeiten, praktische und verlässliche Beratung zu erhalten, wie sie diese Gebäude fachgerecht sanieren und anpassen können. Sie benötigen Kenntnisse in den Bereichen Bauphysik, Feuchtigkeit, traditionelle Materialien und Handwerkskünste sowie zunehmend auch darüber, wie sich die Energieeffizienz verbessern lässt, ohne die historische Bausubstanz zu beschädigen. Ruinersi arbeitet daran, diese Lücke zu schließen und die traditionellen Baufertigkeiten wiederzubeleben, die für den Erhalt dieses Kulturerbes unerlässlich sind. Die Teilnahme an der FuturHist Retrofit Academy verbindet diese praktische Arbeit mit der europäischen Forschung zur verantwortungsvollen energetischen Sanierung, wobei nicht nur die Energieeinsparung, sondern auch die Bedeutung für das Kulturerbe, die Materialverträglichkeit, die Feuchtigkeitssicherheit und die langfristige Nutzbarkeit berücksichtigt werden. Von ihrem neuen Standort in Leśna aus plant die Stiftung, pro publico bono Erstberatungen für Anwohner und Eigentümer anzubieten und diese bei Bedarf mit Fachwissen aus dem gesamten Netzwerk zu vernetzen.
Zweitens der Ort: Das polnische Niederschlesien wurde durch die Grenzverschiebungen und Bevölkerungsverschiebungen nach 1945 tiefgreifend geprägt. Neue Bewohner zogen in Häuser und Dörfer ein, die von Menschen erbaut worden waren, die nicht mehr da waren, und jahrzehntelang wurde ein Großteil dieses Erbes ignoriert oder blieb emotional auf Distanz. Eine neue Generation von Eigentümern entdeckt diese Gebäude nun wieder, nicht um die Vergangenheit auszulöschen, sondern um ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Innerhalb des Clusters bringen die Organisationen unterschiedliche Kompetenzen ein. Der Verein „Herzoglicher Turm von Siedlęcin“, eine der Gründungsorganisationen, bringt umfangreiche Erfahrung in der ehrenamtlichen Denkmalpflege und der praktischen Arbeit an einer historischen Stätte mit. Die Stärke des Netzwerks liegt nicht darin, alle gleich zu machen, sondern darin, den Organisationen zu ermöglichen, sich zu spezialisieren und gleichzeitig Wissen und Kapazitäten für ein gemeinsames Ziel zu bündeln.
Drittens die Grenze: Die historische Architektur Niederschlesiens macht nicht an den modernen Staatsgrenzen Halt. Bautraditionen, Materialien und Handwerkskünste werden mit benachbarten Regionen in Deutschland und Tschechien geteilt, ebenso wie viele der heutigen Herausforderungen: der Verlust traditioneller Fertigkeiten, Instandhaltung, Energiewende und die Suche nach nachhaltigen Nutzungsmöglichkeiten für historische Gebäude. Internationale Zusammenarbeit ist daher ein logischer nächster Schritt. Ruinersi ist besonders daran interessiert, von etablierten europäischen Netzwerken wie REMPART zu lernen – nicht, um ein Modell zu kopieren, sondern um zu verstehen, wie ein Netzwerk unabhängiger Organisationen wachsen, Qualität sichern, ehrenamtliches Engagement fördern und Kompetenzen grenzüberschreitend austauschen kann.
Letztendlich geht es in dieser Geschichte nicht nur darum, alte Häuser zu retten. Es geht darum, schwieriges Kulturerbe in lebendiges Kulturerbe zu verwandeln: Menschen dabei zu helfen, diese Gebäude zu ihrem Zuhause zu machen, Verantwortung für deren Zukunft zu übernehmen und sie wieder mit der größeren Kulturlandschaft Mitteleuropas zu verbinden; und es geht um ein System, in dem unabhängige zivilgesellschaftliche Organisationen unabhängig bleiben, sich spezialisieren und dennoch durch gemeinsames Handeln stärker werden können.
Schwerpunktthemen: bürgernahe Denkmalpflege; grenzüberschreitende Zusammenarbeit; traditionelles Handwerk; Volksarchitektur; neue Eigentümer alter Häuser; problematisches Kulturerbe und lebendiges Kulturerbe