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03.08.2026 denkmal

Bayerns historische Dächer unter Strom

Photovoltaik auf denkmalgeschützten Dächern galt lange Zeit als kaum vereinbar. Doch neue technische Lösungen und ein Wandel der rechtlichen Rahmenbedingungen sorgen dafür, dass Klima- und Denkmalschutz heute häufiger gemeinsam gedacht werden können. Wie das in der Praxis gelingt, zeigen drei Aussteller der denkmal: ML System aus Polen, Roofit.Solar aus Estland und PREFA aus Österreich. Was alle drei gemeinsam haben? Sie haben PV-Anlagen auf bayerische Denkmäler gebracht.

Die Alte Münze in München, die Klinik Angermühle in Deggendorf und die St.-Karl-Borromäus-Kirche in Nürnberg verbindet mehr als ihre denkmalgeschützte Substanz. Auf allen drei Dächern arbeiten Photovoltaikanlagen, die sich nahezu unsichtbar in die historische Dachlandschaft einfügen. Auf dem Dach der Alten Münze, heute Sitz des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, kommen keramische Photovoltaik-Dachziegel der Firma ML System aus dem polnischen Zaczernie zum Einsatz.

ML System hat das Solarsystem teils in einen einzelnen Ziegel integriert, teils werden bis zu sechs Ziegel in einem Modul kombiniert. Nach Angaben des Unternehmens lässt sich dadurch die verfügbare Dachfläche besonders effizient zur Stromerzeugung nutzen.

Module von einem bis zu sechs Ziegeln bilden eine Mini-PV-Anlage, Bildnachweis: ML System

Auf rund 385 Quadratmetern Dachfläche erreicht die Anlage eine Spitzenleistung von 30 Kilowatt-Peak (kWp). Bis zu 98 Prozent des produzierten Stroms werden direkt im Gebäude verbraucht.

Das estnische Unternehmen Roofit.Solar hat eine ganz andere Lösung parat. Hier wird auf Stahldachplatten gesetzt. Auf ihnen befinden sich die Solarzellen, darüber eine Front gehärteten, laminierten Glases. Ein Vorteil, den Roofit.Solar betont und an dem Denkmalschützer tatsächlich Gefallen finden sollten: die Photovoltaik-Anlage wird direkt in das Metalldachelement integriert und nicht als separates, gerahmtes Paneel über dem Dach installiert. Angewendet hat das Unternehmen sein System zum Beispiel bei der psychosomatischen Klinik Angermühle im bayerischen Deggendorf. Von der Straße aus könnte man meinen, es handele sich um ein klares, dunkles Metalldach.

Die Klinik Angermühle mit dem Solardach von Roofit.Solar – weder Verkabelungen noch Halterungen sind erkennbar, Bildnachweis: Roofit.Solar

Die rechtlichen Rahmenbedingungen verändern sich

Dass historische Dächer heute häufiger für Photovoltaik genutzt werden können, liegt nicht nur an neuen Produkten. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. In Deutschland hat das 2022 novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zentrale Weichen gestellt. Erneuerbare Energien werden dort als „überragendes öffentliches Interesse“ eingestuft und dienen der öffentlichen Sicherheit. Einzelne Regelungen zum Denkmalschutz fanden sich dort noch nicht. In der Folge legten die Bundesländer mit Änderungen an den eigenen Denkmalschutzgesetzen nach, zugleich schuf die Rechtsprechung neue Leitlinien. Als Meilenstein für die Kombination aus Klima- und Denkmalschutz gilt ein Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Niedersachsen aus dem Juni 2023. Dort erhält das öffentliche Interesse an den erneuerbaren Energien richterlichen Rückenwind. Das Gericht stellte fest, dass „auch die denkmalgeschützten Gebäude ihren Beitrag zum Erreichen der ambitionierten Klimaziele leisten [sollen]“ (OVG Niedersachsen, 1 ME 15/23). Wenn der Eingriff in das äußere Erscheinungsbild reversibel und geringfügig ist, dann ist die Nutzung erneuerbarer Energien zu genehmigen.

In Polen gibt es eine vergleichbare, gesetzliche Norm bislang nicht. Bei ML System nachgefragt verweist das Unternehmen auf eine fachliche Anweisung des polnischen Generaldenkmalpflegers. Dessen Haltung gegenüber PV-Anlagen auf denkmalgeschützten Gebäuden ist deutlich zurückhaltender, als es die deutsche Gesetzgebung ist. Gleichzeitig dürfen die Denkmalschutzbehörden beantragte Photovoltaikanlagen nicht pauschal ablehnen. Jeder Antrag ist im Einzelfall zu prüfen. Spielräume gibt es, wenn zusätzliche Lasten für Dachstühle gering ausfallen und es neue technologische Innovationen gibt, die den optischen Unterschied zum traditionellen Material nahezu aufheben. Und es sind gerade moderne PV-Systeme, die diese Anforderungen mehr und mehr erfüllen. Ähnlich pragmatisch wird auch in Estland – dem Herkunftsland von Roofit.Solar – verfahren. Auch hier wird im Einzelfall entschieden. Wichtig ist beispielsweise der Stadt Tallinn, dass die historischen Dachkonstruktionen erhalten bleiben. Solange Befestigungssysteme also reversibel sind und die Substanz nicht zerstören, sollte einer Genehmigung in der Regel nichts entgegenstehen.

Den Entwicklungen in allen hier genannten Ländern gemein sind natürlich die Entwicklungen auf EU-Ebene. Denkmalschutz ist zwar nicht Sache der EU und doch erhält die Kombi PV-Anlage und denkmalgeschütztes Dach Rückenwind aus Brüssel. Auch im europäischen Recht sind die erneuerbaren Energien inzwischen als überragendes öffentliches Interesse eingestuft. In der Konsequezenz sollen auch Genehmigungsverfahren für Solaranlagen effizienter laufen. Aber: die EU überlässt es den Mitgliedsstaaten, wie sie bei dieser Frage mit ihren denkmalgeschützten Gebäuden umgehen.

Hier besticht geringes Gewicht – PV auf Aluminium

Und so bewegt sich auch beim EU-Mitglied Österreich einiges. Im März diesen Jahres kippte der Verfassungsgerichtshof ein pauschales Verbot von Photovoltaik-Anlagen in der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten. Die Stadt hatte bis dahin unterbunden, dass PV-Anlagen dort installiert werden, wo sie von öffentlichem Grund aus einsehbar sind. Auch der österreichische denkmal-Aussteller PREFA begrüßt das Urteil. Das Unternehmen setzt auf Solardachplatten, die am Stück eine größere Fläche abdecken. Auch ihr Erscheinungsbild entspricht dem eines Ziegels. PREFA bewertet das Urteil als wichtigen Schritt für die nachhaltige Installation von Photovoltaik in historischen Stadtkernen. Referenzprojekte in der klima- wie denkmalgerechten Dachsanierung kann das Unternehmen vorweisen. Ein Beispiel ist die Sanierung des Dachs der Nürnberger St.-Karl-Borromäus-Kirche.

800 Quadratmeter Fläche Solarmodule auf einem Denkmal im Stil des fränkischen Expressionismus, Bildnachweis: PREFA / Croce & Wir

Die Photovoltaik-Zellen sind auf Aluminium-Platten befestigt und wurden in Form und Farbgebung an die ursprüngliche Dachoptik angepasst. Heute gilt die Photovoltaikanlage als Bayerns Größte auf einem Kirchendach. Ihre 800 Quadratmeter Fläche deckt nicht nur den Strombedarf der Kirche, sondern auch von umliegenden Objekten wie einem Kindergarten oder 38 Wohneinheiten.

Jeder Ziegel eine Zelle, farblich an das Dach der St.-Karl-Borromäus-Kirche angepasst, Bildnachweis: Bildnachweis: PREFA / Croce & Wir

Ob keramische Solardachziegel, Photovoltaik auf Aluminium oder Metall-Stehfalzdach, ob Gesetzesänderung oder gerichtliche Entscheidung – die Dynamik in der denkmalgerechte Dachsanierung ist enorm. Technologische Innovationen und neue rechtliche Spielräume ergänzen sich zunehmend und eröffnen Möglichkeiten, Denkmalschutz und Energiewende miteinander zu verbinden. Entwicklungen, die vor wenigen Jahren vielerorts noch kaum vorstellbar gewesen wären.

Die Alte Münze in München, erbaut zwischen 1563 und 1567. Bildnachweis: ML System
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