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Ein sich erfüllender Traum – die Orgelbauwerkstatt im lettischen Ugāle
Prof. Dr. Ojārs Spārītis ist Professor der Lettischen Kunstakademie und Mitglied im internationalen Kuratorium der denkmal. Für uns hat er einen Gastbeitrag zur Geschichte des lettischen Orgelbaus und über eine ganz besondere Werkstatt geschrieben. Über einen sich noch erfüllenden Traum - Prof. Dr. Ojārs Spārītis, gemeinsam mit Jānis Kalniņš:
Nach der Besetzung der baltischen Staaten 1940 setzte die UdSSR die Zerstörung der nationalen Kulturen fort, unter der die Republik Lettland am stärksten litt. Infolge der Deportationen von 1941 und 1949 sowie der gezielt geförderten Auswanderung sank der Anteil der einheimischen Letten in der Republik auf 60 % der Gesamtbevölkerung. Nach 1945 wurden Dutzende Kirchen mit ihren künstlerischen Werten geschlossen und gezielt zerstört. Auch die Orgelbau- und Orgelrestaurierungsindustrie wurde vernichtet. Fast ein Fünftel der Instrumente in lettischen Kirchen wurde zerstört. In den Augen Westeuropas versuchte das Besatzungsregime jedoch, sich fortschrittlich darzustellen. In einigen Kirchen, aus denen die Gemeinden vertrieben wurden, wurden alte Instrumente erhalten. In eigens dafür errichteten Konzerthäusern in Riga, Tallinn, Vilnius und anderen Orten wurden Orgelkonzerte mit den verbliebenen Orgelbauern veranstaltet.
Eine Orgelbauwerkstatt für ein großes Ziel
In dieser Situation träumte der damals 18-jährige Jānis Kalniņš 1982 von einer Karriere als Orgelbauer. Jānis Kalniņš sah die einzigartige Ugāle-Orgel zum ersten Mal als Schüler, als er Ojārs Spārītis auf einer Besichtigungsreise zu Kulturdenkmälern begleitete. Man kann sagen, dass der Moment der Überraschung und des Staunens beim Anblick des Originalinstruments in dem musikalisch begabten jungen Mann eine spontane Bewunderung und den Wunsch weckte, in die Nuancen der Klangfülle und der Seele dieser barocken „Musikmaschine“ einzutauchen. Der Höhepunkt seiner Laufbahn sollte seiner Meinung nach die Restaurierung der dreimanualigen Barockorgel in Lestene sein, die zwischen 1707–1709 vom Orgelbauer Cornelius Rhaneus erbaut und in der Sowjetzeit zerstört wurde.
Nach der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit Lettlands und dem Abschluss seines Theologiestudiums wurde Jānis Kalniņš 1992 zum Pfarrer der Gemeinde Ugāle ernannt. Um sein Lebensziel zu erreichen, richtete er in den Nebengebäuden des ehemaligen Pfarrhauses eine Orgelbauwerkstatt ein. Die Förderung für den Aufbau der Werkstatt in Ugāle erfolgte durch die Mittel der Vereinigten Kurländischen Stiftungen für die Anschaffung von Holzbearbeitungsmaschinen.
Jānis Kalniņš erlernte die Grundlagen des Orgelbaus vom Rigaer Domorgelmeister Gunārs Dālmanis und dem Leiter der Orgelbauwerkstatt in Vilnius, Rimantas Gučas. Die Begegnung mit dem schwedischen Orgelexperten Göran Grahn und dem Orgelrestaurator Mads Kjersgaard im Jahr 1993 markierte einen wichtigen Meilenstein in seiner beruflichen Entwicklung. In den 1990er Jahren galten schwedische Orgelbauer als die fortschrittlichsten Spezialisten für die Restaurierung authentischer Orgeln. Diese Zusammenarbeit gipfelte 1998 darin, dass die von Jānis Kalniņš geleitete Orgelbauwerkstatt in Ugāle Mitglied der ISO (International Society of Organbuilders) wurde. Jānis Kalniņš' international anerkannte Fachkompetenz und die technischen Möglichkeiten der Orgelbauwerkstatt ermöglichten die vollständige Restaurierung der 1697–1701 erbauten, zweimanualigen Barockorgel im 28. Register in der Kirche von Ugāle.
zweimanualigen Barockorgel im 28. Register in der Kirche von Ugāle (Foto: Jānis Kalniņš)
Internationales Renommee…
Die Orgelbauwerkstatt „SIA Ugāles ērģeļbūves darbnīca“ ist heute das größte Orgelbauunternehmen im Baltikum. Unter der Leitung von Jānis Kalniņš übernimmt die Werkstatt den Großteil der Arbeiten im Bereich Orgelbau, -reparatur, -restaurierung und -wartung in lettischen Kirchen und trägt so mit ihren Instrumenten aus dem 18. bis 20. Jahrhundert zum hohen Niveau der Orgelbaukunst in der reichen Kulturlandschaft Lettlands bei. In den 34 Jahren ihres Bestehens wurden rund 80 Instrumente in Lettland, Litauen, Estland, Schweden und Polen restauriert. Im gleichen Zeitraum entstanden in der Orgelbauwerkstatt Ugāles 42 komplett neue Orgeln, die nicht nur in Lettland, sondern auch in Litauen, Norwegen, Polen, Finnland und Italien ihren Platz gefunden haben. In Zusammenarbeit mit der deutschen Orgelbaufirma Johannes Klais Orgelbau GmbH & Co. KG wurden 2019 die Arbeiten am Bau eines monumentalen Instruments für den Konzertsaal „Latvija“ in Ventspils abgeschlossen. Das neueste Werk der Orgelbauwerkstatt Ugāle befindet sich in der polnischen Stadt Cedry Wielkie (Groß Zünder) bei Danzig.
2019 erbaute monumentale Orgel der Orgelbauwerkstatt Ugāle bei Danzig, Polen (Foto: Jānis Kalniņš)
…und ein Traum, der sich erst noch erfüllen muss
Seit 2025 läuft nun endlich das Projekt zur Restaurierung und Rekonstruktion der Orgel der Kirche von Lestene. Im Zuge dessen ist geplant, bis 2028 sowohl das ausdrucksstarke Barockorgelprospekt aus dem frühen 18. Jahrhundert als auch drei Manuale mit 33 Registern zu restaurieren. Kalniņš Lebenstraum würde so 36 Jahre nachdem er ihn fasste und 25 Jahre nach Gründung seiner Orgelbauwerkstatt in Erfüllung gehen.
Die Leistungen der Orgelbauwerkstatt Ugāle wurden mit staatlichen Auszeichnungen Lettlands gewürdigt. Für seine Verdienste um die Restaurierung von Orgeln und Orgeln in Lettland wurde Jānis Kalniņš als Geschäftsführer und Seele der Werkstatt mit dem höchsten Verdienstorden der Republik Lettland, dem Drei-Sterne-Orden, ausgezeichnet. Für die Restaurierung der Orgel der Kirche von Ugāle im Jahr 2005 erhielt er zudem den Kulturerbepreis des Jahres.
Geschrieben von Jānis Kalniņš und Ojārs Spārītis. Ojārs Spārītis ist seit vielen Jahren ein überaus engagiertes Mitglied des Internationalen Kuratoriums der denkmal.
Orgelfragmente der Orgel der Kirche von Lestene die noch zur restaurierung vorgesehen sind (Foto: Jānis Kalniņš)