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Historische Baustoffe: „Nachhaltigkeit war für uns schon immer selbstverständlich“
Ob alte Mauerziegel, Eichenbalken oder Sandsteinbrunnen – historische Baustoffe sind weit mehr als Relikte vergangener Zeiten. Im Gespräch erklärt Sabine Prenzel, Vorsitzende des Unternehmerverbands Historische Baustoffe e. V., warum Wiederverwendung seit jeher zum Handwerk gehört, welche Materialien heute besonders gefragt sind und weshalb fachgerechter Rückbau ein wichtiger Baustein einer zirkulären Bauwirtschaft ist.
Frau Prenzel, die Wiederverwendung historischer Baustoffe wird heute nicht mehr nur in der Denkmalpflege diskutiert. Auch im Zusammenhang mit Kreislaufwirtschaft und nachhaltigem Bauen rückt das Thema zunehmend in den Fokus, Schlagworte wie Re-Use oder Urban Mining sind entstanden. Welche Beobachtungen haben Sie in dieser Entwicklung machen können?
Für uns war das Thema immer präsent. Wir beschäftigen uns schwerpunktmäßig mit Baustoffen, die in der vorindustriellen Zeit entstanden sind – also bis maximal zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Urban Mining umfasst dagegen auch deutlich jüngere Materialien. Viele Baustoffe, um die es dabei geht, stammen aus den 1980er- oder 1990er-Jahren. Wir sind da nach wie vor anderswo unterwegs, als die, die erst seit ein paar Jahren mit der Wiederverwertung von Baustoffen begonnen haben.
Und welche Materialien sind bei Ihnen heute besonders gefragt?
Besonders gefragt sind historische Mauerziegel, alte Eichenbalken, Dachpfannen, historische Fliesenböden aus Stein oder Zement sowie Natursteinmaterialien wie Sandstein oder Pflastersteine. Auch Türen und Fenster sind weiterhin ein Thema, wobei sich der Fokus hier verändert hat. Vor allem bei Türen ist die Nachfrage zurückgegangen, weil die Kosten für eine fachgerechte Aufarbeitung inzwischen sehr hoch sind.
Was bedeutet diese gesamte Entwicklung für den Unternehmerverband Historische Baustoffe e. V.?
Der Unternehmerverband wurde 1992 gegründet und zählt heute 30 Mitgliedsunternehmen. Über die Jahre hat sich ein bewährter fachlicher Austausch entwickelt. Zwar sind wir regional oft Einzelkämpfer, gleichzeitig ist ein deutschlandweites Netzwerk entstanden, in dem wir uns gegenseitig unterstützen.
Viel zu schön, viel zu wertvoll, um sie wegzuwerfen – Steinzeugfliesen der Renaissance, Bildnachweis: Historische Baustoffe Prenzel
Viele verbinden den Rückbau alter Gebäude zunächst mit Abriss. Was macht einen wirklich denkmalgerechten und ressourcenschonenden Rückbau aus?
Zunächst braucht es eine gründliche Bestandsaufnahme: Welche Materialien sind vorhanden und wie lassen sie sich bergen? Entscheidend ist, dass die Bergung fachgerecht und sortenrein erfolgt. Häufig ist dafür Handarbeit notwendig, weil Maschinen zu viele Materialien beschädigen würden. Die höchste Form dieser Arbeit ist die Translozierung – also, wenn ein Gebäude an einem Ort vollständig aufgenommen und an einem anderen wieder aufgebaut wird.
Wie oft haben Sie schon eine Translozierung miterlebt?
Mein Unternehmen hat das zwei- oder dreimal umgesetzt. Innerhalb unseres Verbands gibt es deutlich mehr Erfahrungen. Ein Kollege aus der Ostalb hat beispielsweise ein ehemaliges Schulgebäude vollständig transloziert und an einem anderen Standort wieder aufgebaut. Heute dient es dort als Verkaufsfläche.
Was muss eigentlich geschehen, damit Sie überhaupt zum Bergen historischer Baustoffe gerufen werden?
Meist kontaktieren uns Menschen, die entweder aus Gründen der Nachhaltigkeit verhindern möchten, dass wertvolle Baustoffe verloren gehen, oder die diese Materialien verkaufen möchten. Denkmalgeschützte Gebäude werden zwar in der Regel nicht abgerissen. Dennoch gibt es auch in anderen historischen Gebäuden Bausubstanz, die für uns von Interesse ist.
Schöner wohnen mit historischen Türen, Bildnachweis: Historische Baustoffe Prenzel
Wann erkennen Sie, dass ein historischer Baustoff nicht einfach nur alt ist, sondern tatsächlich erhaltenswert? Welche Kriterien spielen dabei eine Rolle?
Bereits an der handwerklichen Herstellung lässt sich oft erkennen, ob ein Baustoff besonders wertvoll ist. Entscheidend sind unter anderem die Materialqualität, die Seltenheit, eine vorhandene Patina – etwa bei Kupfer – sowie die Frage, ob ein Material nur regional verfügbar ist.
Gibt es Materialien oder Bauteile, die heute besonders schwer zu beschaffen sind und deshalb einen besonderen Wert für Restaurierungsprojekte haben?
Ja, auf jeden Fall. Historische Mauerziegel gibt es in zahlreichen Formaten. Besonders alte Ziegel im Klosterformat lassen sich heute nur noch sehr selten bergen. Auch lange Deckenbalken aus Eiche sind rar. Sandsteinbrunnen werden ebenfalls häufig nachgefragt. Zu den besonderen Highlights zählen außerdem historische Motivfliesen aus der Zeit um die Jahrhundertwende – wenn sich die Gelegenheit bietet, solche Stücke zu bergen, ist das etwas Besonderes.
Nachhaltigkeit ist mittlerweile eines der prägenden Themen im Bauwesen. Welche Rolle können historische Baustoffe bei der Transformation hin zu einer stärker zirkulären Bauwirtschaft spielen?
Historische Baustoffe sind bislang quantitativ noch ein Randthema. Nachhaltigkeit war in diesem Bereich jedoch schon immer selbstverständlich. Ich beobachte, dass das Bewusstsein in der Bevölkerung wächst. Bei der praktischen Umsetzung gibt es allerdings noch Potenzial. Gerade hier können wir unsere langjährigen Erfahrungen einbringen.
Der Unternehmerverband ist seit der ersten denkmal in Leipzig vertreten. Welche Impulse konnten Sie von den vergangenen Messen mitnehmen und welche Wirkung beobachten Sie bei den Besucherinnen und Besuchern?
Für uns ist die denkmal jedes Mal ein Highlight und ein wichtiges Branchentreffen. Der fachliche Austausch ist enorm wertvoll. Man merkt, wie viel fundiertes Wissen – auch aus dem internationalen Umfeld – dort zusammenkommt. Als Unternehmerverband haben wir inzwischen außerdem eine Online-Plattform aufgebaut, auf der Gesuche und Angebote für historische Baustoffe zusammengeführt werden. Diese Plattform möchten wir auf der denkmal 2026 besonders in den Mittelpunkt stellen.