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„Die Brücke, die wir bauen, heißt Kommunikation“
Wie lassen sich Innovationen in der Denkmalpflege schneller in die Praxis bringen? Und warum ist gerade der Dialog zwischen Wissenschaft und Handwerk dafür entscheidend? Prof. Dr.-Ing. Alexander Stahr von der HTWK Leipzig spricht im Interview über das DENK(M)AreaL, eine der Neuheiten auf der diesjährigen denkmal und zur Frage, wie viel Denkmal wir uns noch leisten können. Herr Professor Stahr, DENK(M)AreaL, Sie müssen unseren Leserinnen und Lesern da einmal helfen – wie sprechen wir das am besten aus?
Das Wortspiel lässt Interpretationen zu – und das ist durchaus so gewollt. Das „M“ steht für die Messe, aber auch für Mut und Motivation. Es ist durchaus gewünscht, dass Leserinnen und Leser da kurz hängen bleiben und sich die Frage stellen, was dahintersteckt. Die englische area steckt auch mit drin, es handelt sich also um einen bestimmten Teil-Bereich auf der Messe. Ausgesprochen wird es aber einfach „Denkmareal“.
Und wer wird auf dieser area, dieser Fläche vertreten sein?
DENK(M)AreaL ist ein Kooperationsprojekt von aktuell 13 Unternehmen und fünf Wissenschaftseinrichtungen. Die Interaktion und das Miteinander gründen auf verschiedenen Formen der Zusammenarbeit. Hier treten Akteurinnen und Akteure auf, die sich über die Jahre kennen- und schätzen gelernt haben.
Ein Beispiel für das, was aus solchen Kooperationen hervorgehen kann, ist das in die Innovationscommunity InTraBau eingebettete, geförderte Forschungsprojekt ARsist. In diesem wird eine Methode entwickelt, um Augmented-Reality-Technologie mittels einer speziellen Daten-Brille, zum digitalen Erfassen denkmalgeschützter Konstruktionen und zum Darstellen von Sanierungs- beziehungsweise Planungskonzepten für die Anwendung in der Baupraxis nutzbar zu machen. Gemeinsam mit der Firma Bennert aus Klettbach in Thüringen wird das Projekt umgesetzt. Planerinnen und Planer können mit am Markt verfügbaren, digitalen Tools Situationen vor Ort erfassen und diese Informationen direkt in den Planungsprozess einfließen lassen. Handwerkerinnen und Handwerker wiederum können die gleiche Technologie nutzen, um Planungsinformationen abzurufen bzw. im Anwendungskontext anzeigen zu lassen. Damit können Papierpläne perspektivisch überflüssig werden und spezifische Informationen kontextsensitiv dargestellt werden.
Ziel des denk(M)AreaLs ist es, Innovationen schneller auf den Markt zu bringen. Was beobachten Sie, warum das zu langsam vonstatten geht?
Warum sich Innovationen so schwer am Markt durchsetzen, hat auch damit zu tun, dass Bauen ein stark differenzierter Prozess ist, an dem viele Akteure beteiligt sind, die sich immer wieder in neuen Konstellationen zusammenfinden. Damit fließt häufig viel Energie und Zeit in die Projektorganisation. Diese Zeit fehlt dann häufig, um Ideen zu durchdenken und in die Anwendung zu bringen.
Dennoch findet Innovation statt! Die Anforderung, die wir in der überwiegend mit öffentlichen Steuergeldern finanzierten Wissenschaft an Innovationen stellen, ist allerdings, dass diese möglichst vielen Akteuren, wenn möglich der gesamten Branche zur Verfügung stehen, und nicht bei einem Unternehmen bleiben.
Gemeinsam am Denkmal denken – das macht die denkmal aus, Bildnachweis: Leipziger Messe
Aus den unterschiedlichen Perspektiven von akademisch geprägter Wissenschaft und handwerklicher Baupraxis resultiert dabei in meiner Wahrnehmung oft eine relativ große Lücke. Die gilt es zu schließen, um mehr Innovationen schneller an den Markt zu bringen. Der Bedarf ist dabei enorm. Unsere Mission ist es, eine Brücke zu bauen. Die Baustoffe aus denen diese besteht heißen: Kommunikation, Verständnis, Neugier und Respekt.
Welchen Bezug haben Sie überhaupt zur Denkmalpflege, wie ist das gekommen?
Ich bin selbst ausgebildeter Handwerker und bin stolz auf meinen Gesellenbrief als Baufacharbeiter. In meiner Jugend und auch während meines Studiums habe ich viel in Umbau- und Sanierungsprojekten mit und ohne Denkmalbezug gearbeitet und dabei zahlreiche Erfahrungen sammeln können.
Das ist eigentlich meine Kernerfahrung. Sehr schnell bin ich auf Fragestellungen des Denkmalschutzes aufmerksam geworden und habe versucht, diese in den jeweiligen Projekten zu berücksichtigen. Diese Erfahrungen prägen mich in Forschung und Lehre bis heute ganz massiv .
Dann ist die Frage andersrum gestellt vielleicht richtiger, wie sind Sie zur Wissenschaft gekommen?
Im Anschluss an meine handwerkliche Ausbildung habe ich an der Bauhaus-Universität in Weimar Bauingenieurwesen studiert. Durch einen großen Zufall konnte ich an der Hochschule bleiben und als Assistent von Professor Jürgen Ruth an die Architektur-Fakultät wechseln. In dieser Zeit lernte ich die gestalterische und räumlich-konzeptionelle Seite des Planens und Bauens kennen. Nach einigen Jahren in der Planungspraxis bin ich dann wieder zurück an die Hochschule gegangen, weil mich die Forschung und das Arbeiten mit dem Nachwuchs gereizt haben.
Künftig werden Forschung und Praxis noch enger auf der denkmal verzahnt, Bildnachweis: Leipziger Messe
Wir freuen uns natürlich, Sie auch als Moderator für das erstmals stattfindende Eröffnungspanel der denkmal gewinnen zu können. Titel wird sein „Wie viel Denkmal können wir uns noch leisten?“ Woher kommt das Wörtchen „noch“ im Titel?
Die Denkmalpflege ist ein Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Darauf spielt das „noch“ an. Denn wir leben in sehr stürmischen Zeiten. Die öffentlichen Haushalte sind in einer starken Schieflage, und die öffentliche Hand hat alle Mühe, ihren grundlegenden Verpflichtungen – vor allem im Sozialbereich - nachzukommen. Im Kontext eines enormen Handlungsdrucks zur Lösung teils existenzieller Herausforderungen des Alltagsbetriebs droht die Denkmalpflege schnell aus dem Fokus zu rücken. Die Frage adressiert somit die aktive Auseinandersetzung mit der Wertschätzung für unsere Denkmäler und mit unserem Umgang mit ihnen.
Kurzfristige finanzielle Engpässe dürfen nicht dazu führen, dass wir unsere baukulturelle Identität, die Denkmäler maßgeblich abbilden, vernachlässigen!
In diesem denkmalbrief erscheint auch ein Interview mit Volker Schweizer und Claudia Neuwald-Burg vom Fraunhofer Institut für Bauphysik und dem Fraunhofer Institut für Raum und Bau. Beide machen stark, dass denkmalgeschützte Altbausubstanz auch ein Wirtschaftsfaktor ist – weil sie Leute anzieht, Leute dort Zeit verbringen und konsumieren wollen. Was sagen Sie, warum müssen zwei Forschende das derart betonen, wo der Punkt der beiden doch auf der Hand liegt?
Ich denke, es ist wichtig, dass die Protagonistinnen und Protagonisten das Wort erheben und Dinge bewusst und deutlich ansprechen, die sie selbst sehen. Das ist in meinen Augen ein ganz natürlicher Zusammenhang und ein Merkmal aller Fachleute. Wenn Sie beispielsweise mit Jürgen Klopp sprechen, wird er Ihnen sagen, dass Fußball das Wichtigste auf der ganzen Welt ist. Nur braucht der Fußball Jürgen Klopp nicht zwingend, um Fans zu generieren, da er tief in unserer Alltagskultur verankert ist und in den Medien eine hohe Präsenz hat. Bei uns ist das anders, wir brauchen im Prinzip ganz viele Jürgen Klopps in der Denkmalpflege. Unsere Aufgabe ist es, die Gesellschaft für die Themen der Denkmalpflege und den Wert der Denkmale zu sensibilisieren. Denn Wertschätzung für diese ist kein Selbstläufer. Das passiert nicht von allein. Es ist eine wichtige Aufgabe aller Akteure der Denkmalpflege, für die Werte der Branche einzutreten und deren Potenziale in der täglichen Arbeit sichtbar zu machen.
Worauf der Kollege und die Kollegin vielleicht auch angespielt haben - Die aktuelle politische Debatte rund um das Bauen dreht sich maßgeblich um die Beschleunigung von Verfahren und um die Herausforderungen des Wohnungsbaus. Oft wird dabei dezidiert der Neubau-Sektor thematisiert. Wenn wir aber den Bestand und seine vielfältigen identitätsstiftenden und auch sozialen Potenziale mitdenken, liegen dort die viel größeren Hebel – gerade im Kontext einer sich strukturell verändernden Gesellschaft sowie auch zunehmend verknappender Rohstoffe. Diese Themen stehen auf der politischen Agenda häufig – völlig zu Unrecht – viel zu weit hinten.
Zu guter Letzt – die denkmal ist eine Messe der Leidenschaft, was also macht Ihnen auf der denkmal immer am meisten Spaß?
Am meisten Spaß macht mir der direkte Kontakt mit den Menschen auf der Messe. Der direkte Austausch ist in meiner Wahrnehmung das Kernthema einer Messe. Wir gehen dorthin, um neugierige Menschen zu treffen, um uns zu informieren und uns inspirieren zu lassen, aber auch um zu zeigen, was wir können.
Ich denke, dass die denkmal in Leipzig in mehrerlei Hinsicht genau an der richtigen Stelle ist. Leipzig ist die größte Metropole Mitteldeutschland mit einer über 800-jährigen Tradition im Messebetrieb. Wenn ich unterwegs bin, treffe ich kaum Menschen, die nicht wissen, wo Leipzig liegt. Viele spiegeln mir in den Gesprächen ihre eigenen positiven Wahrnehmungen und Erinnerungen. Manche schwärmen gar von der Stadt, ihrer Weltoffenheit und ihrer Lebensqualität.
Für mein interdisziplinäres, 20-köpfiges Team am FLEX.institut an der HTWK Leipzig ist die denkmal in Leipzig genau der richtige Ort, weil wir dort Sichtbarkeit für unsere Forschung erzeugen können. Unser anwendungsorientiertes Denken und Handeln ist dabei in den Projekten mit Denkmal-Bezug so ausgerichtet, dass wir Lösungen entwickeln wollen, mit unseren Denkmälern und unserem Gebäudebestand so umgehen, dass diese sorgfältig erhalten werden können und noch lange nutzbar bleiben.
Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag sowohl für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, als auch für den Klimaschutz. Wenn uns das gelingt, dann ist jede denkmal immer wieder einen Besuch auf der Leipziger Messe wert!