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Die Farben des protestantischen Barocks in einer Jenaer Gruft – und online
Vier barocke Särge stehen in der Fürstengruft der Jenaer Stadtkirche. Sie erzählen von einer Herrscherfamilie, die nur 18 Jahre über Sachsen-Jena regierte, von protestantischer Bestattungskultur und von einem Brandanschlag aus DDR-Zeiten. In den letzten Jahren durchliefen die Särge einem Restaurierungsprozess und, mehr als dass, wurden digital erfasst. Die digitale Farbrekonstruktion zeigt, wie prachtvoll im barocken Jena – wo damals Versailles nachgeeifert wurde - bestattet wurde.
Ein Herrschergeschlecht, das gerade einmal 18 Jahre existierte – und dann derart prunkvolle Särge? In der Fürstengruft der Stadtkirche St. Michael stehen sie, die vier Zinnsärge der Familie Sachsen-Jena. Einer von ihnen gehört Johann Wilhelm von Sachsen-Jena. Der letzte männliche Spross des Hauses starb 1690 im Alter von gerade einmal 15 Jahren. Zwei Jahre zuvor hatte er an der Universität Jena ein Studium begonnen und als Landesherr zugleich das Amt des fürstlichen Rektors übernommen. Mit seinem Tod erlosch das Haus Sachsen-Jena.
Heute sind die Särge nicht nur Zeugnisse dieser kurzen Episode der Jenaer Geschichte. Sie geben auch Einblick in eine Zeit, in der sich gesellschaftlicher Rang und religiöse Vorstellungen ganz unmittelbar in der Gestaltung von Grablegen ausdrückten. Und sie erzählen ihre eigene, bewegte Geschichte.
Ein Klein-Versailles in Jena
Warum wurden für eine Herrscherfamilie, die nur so kurze Zeit regierte, überhaupt derart aufwendige Särge angefertigt? Die Antwort liegt auch im Selbstverständnis des Hauses Sachsen-Jena. Herzog Bernhard von Sachsen-Jena hatte die Herzogin von Trémouille geheiratet. Kennengelernt hatte er sie bei einem mehrjährigen Aufenthalt in Versailles am Hof des Sonnenkönigs Louis XIV. Gemeinsam arbeiteten sie daran, in Jena eine Art Klein-Versailles zu etablieren. Kultur und Theater wurden gefördert, die Stadt sollte auch kulturell an Bedeutung gewinnen. Das eigentliche kulturelle Zentrum der Region – Weimar – zog in dieser Zeit den Kürzeren.
Kennt sich in der Jenaer Gruft bestens aus - Dr. Enrico Paust
Finanziert wurde dieser Anspruch über Schulden und die Mitgift der Herzogin. Auch die aufwendig gestalteten Särge konnten so zustande kommen. Dr. Enrico Paust vom Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat die Restaurierung der Särge wissenschaftlich begleitet und sich mit der Bestattungskultur der barocken Zeit auseinandergesetzt. Er erzählt, dass die Särge nicht nur als Totenbehältnisse dienten, sondern auch die sonst Grabplatte und Epitaph zukommenden Aufgaben – Träger der Grabinschriften zu sein – übernahmen.
Hier zeigt sich eine Besonderheit. Denn in der Regel fallen diese drei Elemente eines Grabs auseinander. In Jena - wie auch in allen anderen Fürstengrüften dieser Zeit - finden sich in Form des Sargs alle drei Elemente in einem Objekt. Die Rolle der Epitaphe ist im Übrigen auf das protestantische Verständnis des Tods zurückzuführen. Martin Luther beschrieb den Tod als einen „ewigen Schlaf“. Die Toten sollten nicht vollständig aus der Erinnerung verschwinden. Daher geben Epitaphe detailliertere Informationen über das Leben des Verstorben. Teils sorgten die noch Lebenden selber für ihr Andenken und bestimmten selbst, was später auf ihren Gräbern geschrieben stehen sollte.
Ein Sarg mit eigener Geschichte
Und tatsächlich – die Geschichte der Särge endet nicht mit der Bestattung von Johann Wilhelm von Sachsen-Jena, aber anders als erwartet. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg werden einige vergoldete Schmuckscheiben aus Zinn entwendet. Dabei entstand ein Loch im Sarg. Im Jahr 1958 nutzen Unbekannte das Loch, um brennenden Phosphor in das Grab hineinzubefördern. Der hölzerne Innensarg wird schwer beschädigt, auch der äußere Zinnsarg trägt Schäden davon. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler öffneten den Sarg, löschten den Schwelbrand und entnahmen Teile des Innensargs sowie Gebeine zur Untersuchung.
Die naheliegende Frage zu der Brandstiftung - warum sollte mehr als 250 Jahre nach dem Tod des jungen Herzogs sein Grab angezündet werden? Für Dr. Enrico Paust liegt der Vorfall im Kontext eines größeren Umgangs mit Fürstengruften in der DDR. Vielerorts wurden Grüfte ausgeräumt, Inventar verkauft und Gebeine eingeäschert. In Jena blieb es bei der Beschädigung eines Sargs – im Vergleich zu anderen Orten ein glimpflicher Ausgang.
Fast 70 Jahre später hielt das Projekt eine weitere Überraschung bereit. Bei der Untersuchung des Sarginneren stellten die Forscherinnen und Forscher fest, dass die in den 1950er-Jahren entnommenen Gebeine nicht wieder in den Sarg gelegt worden waren. Stattdessen hatten die damaligen Kolleginnen und Kollegen eine Art Flaschenpost hinterlassen: eine Nachricht mit Untersuchungsergebnissen und dem Hinweis, wo die Gebeine aufbewahrt wurden.
Was die Oberfläche erzählt
Die jüngste Beschäftigung mit den Särgen bestand aus mehreren miteinander verbundenen Schritten: Untersuchung, Restaurierung, und – hier wird es besonders spannend – der Digitalisierung. Für die wissenschaftliche Untersuchung kam unter anderem die Röntgenfluoreszenzanalyse zum Einsatz. Mit dieser zerstörungsfreien Methode lässt sich die Zusammensetzung anorganischer Materialien bestimmen. Für die Särge bedeutete das: aus den analysierten Materialien konnten Rückschlüsse auf die ursprüngliche Farbigkeit gezogen werden. Je nachdem, wie lange es braucht, bis der Röntgenstrahl vom Metall mit welcher Intensität reflektiert wird, kann analysiert werden, um welches Material es sich handelt – und damit, welche Farbe es gehabt haben muss.
Denn tatsächlich – der weißgolden, silbrig schimmernde Glanz des ursprünglichen Sargs ist heute verloren gegangen. Eher düster, beschreibt Dr. Paust das Erscheinungsbild, ganz im Gegensatz zum Anliegen des protestantisch glaubenden Herrschers. Jedoch – der Sarg kann in seiner alten Pracht betrachtet werden. Denn digital wurde er in seiner ursprünglichen Farbigkeit rekonstruiert.
Sarg und Informationstafel zugleich – der Sarg von Johann Wilhelm von Sachsen-Jena, Bildnachweis: Katarina Singer
Auch die stark beschädigte Inschrift auf dem Deckel konnte weitgehend rekonstruiert werden. Die Forschenden fertigten dafür ein Alphabet nach dem Vorbild der besser erhaltenen Inschriften an den Seiten des Sargs an und setzten daraus den bereits aus einer Abschrift bekannten Text zusammen. Rund 98 Prozent der Rekonstruktion gelten dabei als sicher. Unsicherheiten bleiben vor allem bei beschädigten oder nicht mehr vorhandenen Stellen der Inschrift.
Digital konservieren
Die 3D-Digitalisierung hat für Dr. Paust zwei wesentliche Funktionen. Einmal kann die Öffentlichkeit – gleich ob vom Fach oder allgemein interessiert- sich ein Bild vom Sarg und damit von der damaligen Bestattungskultur machen. Daneben liegt der wissenschaftliche Wert der Digitalisierung in der Dokumentation. Denn der Sarg wurde vor, während und nach der Restaurierung digital erfasst. Damit lässt sich nachvollziehen, wie sich sein Zustand veränderte -und heute weiter verändert. So können etwa sogenannte Ausblühungen beobachtet werden, also Ablagerungen auf der Oberfläche. Sie stehen im Zusammenhang mit früheren Reinigungsmaßnahmen, bei denen Salzsäure eingesetzt wurde. Sollten nach der Restaurierung erneut solche Veränderungen auftreten, lässt sich anhand der digitalen Dokumentation überprüfen, ob sie bereits an derselben Stelle vorhanden waren oder ob ein neues Schadbild entstanden ist. Im zweiten Fall könnten veränderte Raumbedingungen die Ursache sein. Dann muss dort dringend nachgebessert werden. Das dies möglich ist, ist von entscheidender Relevanz. Denn auch eine Restaurierung kann den Alterungsprozess eines Materials nicht einfach beenden. Korrosion lässt sich verlangsamen, vollständig aufhalten lässt sie sich in der Regel nicht. Umso wichtiger ist es, den Zustand möglichst genau zu dokumentieren.
Vom Sarg zum Denkmal
Viele historische Särge sind im mitteldeutschen Raum zu DDR-Zeiten beschädigt worden. Manche wurden durch Brandstiftung und Plünderung beschädigt, andere sind im Laufe der Zeit in sich zusammengesackt. Eine mechanische Rückformung ist dann mitunter kaum möglich oder sehr aufwendig.
Digital lässt sich dagegen auch ein solcher Zustand dokumentieren oder ein Objekt selbst in diesem Zustand virtuell wieder in eine frühere Form zurückführen. Dr. Paust sieht in dem Projekt, an dem unter anderem das auf 3D-Visualisierung spezialisierte Unternehmen digitus.art teilhatte, durchaus Potential für die Denkmalpflege als solche. Denn was am Sarg funktioniert, lässt sich auch auf andere Objekte und sogar auf Gebäude übertragen. Räume können digital erfasst und anschließend virtuell wieder begehbar gemacht werden, selbst wenn ein Bauwerk irgendwann nicht mehr erhalten werden kann.
Die Digitalisierung schafft einen weiteren, großen Vorteil. Mit ihr wird Barrierefreiheit ermöglicht. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht selber in die Gruft hinabsteigen können, können sich selber ein Bild von ihr machen. Die Särge können online, oder zukünftig über eine Medienstation in der Kirche oder mit einer VR-Brille betrachtet werden.
Die Frage nach dem Original
Wahrscheinlich wäre ohne den digitalen Zwilling es deutlich schwerer für eine breite Öffentlichkeit, sich mit den Fragestellungen der Denkmalpflege auseinanderzusetzen. Wie verändert sich das Original, welchen der verschiedenen Zustände, die ein Objekt in Jahrhunderten angenommen hat, gilt es heute überhaupt wiederzuherstellen, wo liegen die Grenzen des menschlich Möglichen? Die Jenaer Särge werfen diese Fragen auf und haben eine Antwort gefunden. Wer sich von ihr selber ein Bild machen will, findet das digitale Ergebnis auf der Website von digitus.art .
Digitalisierung des Sargs im Zustand von 1690 und im heutigen, restaurierten Zustand