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13.01.2026 denkmal

Die größte Herausforderung ihrer Geschichte – Archäologie in der Energiewende

Lange Zeit galt Archäologie als ein Berufsfeld, das sich fast ausschließlich auf Universitäten, Museen und wenige Ausgrabungsstätten beschränkte. Doch das hat sich grundlegend geändert: Inzwischen suchen große Konzerne nach Expertinnen und Experten für Bodendenkmalpflege – unter anderem mit dem Ziel, die Energiewende denkmalgerecht umzusetzen. Auf der denkmal 2026 wird der Berufsverband CIfA Deutschland daher erstmals einen eigenen Ausstellungsbereich präsentieren.

„Wir befinden uns derzeit in der größten Herausforderung in der Geschichte der Archäologie“ sagt Svenja Partheil. Die Präsidentin von CIfA Deutschland, dem Berufsverband für die Archäologie, wählt große Worte, wenn sie über die geplanten Stromtrassen spricht, die vom windreichen Norden der Bundesrepublik in den industriestarken Süden führen sollen. Angesichts der Gesamtlänge dieser Strecken – 20.000 Kilometer – wird klar, dass die Worte gerade groß genug ausgefallen sind. Bis 2048 soll dieses gewaltige Projekt fertiggestellt sein und nicht wenige der Trassen werden unterirdisch verlaufen. Wenn Nachhaltigkeit in diesen Projekten gewollt sei, fährt Partheil fort, dann müsse auch die denkmalschützerische Nachhaltigkeit beachtet werden. Denn bevor archäologische Denkmäler unwiederbringlich zerstört werden, müssen diese dokumentiert und archiviert, im Zweifel musealisiert werden.

„Wir befinden uns noch nicht einmal im römischen Gebiet!“

Für ein Gelingen des Projekts braucht es ausreichend Fachkräfte. Doch derzeit sind bundesweit mehr als 100 Stellen unbesetzt, sowohl in den staatlichen Ämtern für Bodendenkmalpflege als auch in den Fachfirmen. Die Nachfrage wächst rasant – inzwischen stellen Energieunternehmen eigene Archäologinnen und Archäologen in ihren Planungsstäben ein, berichtet Sascha Piffko, Geschäftsführer der SPAU GmbH. Seine Firma zeigt exemplarisch, welchen Boom die Branche erlebt: 2015 startete „Sascha Piffko Archäologische Untersuchungen“ als kleines Unternehmen mit drei Angestellten. Heute ist „SPAU“ eine GmbH mit über siebzig Mitarbeitenden, die nicht nur ausgraben, sondern auch Funde restaurieren, dokumentieren und archivieren – und die bundesweit ausgelastet sind.

Und das, obwohl das Megaprojekt Energiewende gerade erst beginnt. Piffko erläutert: „Mit SuedLink wird derzeit eine Trasse von etwa 700 Kilometern Länge und rund 35 Metern Breite gebaut – weitgehend östlich des ehemaligen römischen Gebiets. Weitere geplante Trassen werden doppelt so breit sein, rund 70 Meter, und dann durch römisches Gebiet führen, was mehr Grabungsstellen und einen deutlich höheren Aufwand bedeutet. Viel Arbeit für mindestens zwei weitere Jahrzehnte, die nur mit hoher Kompetenz und Erfahrung zu bewältigen ist.“

Neuer Ausstellungsbereich auf der denkmal 2026 unterstreicht die gewachsene Bedeutung

Partheil und Piffko gehören zu den treibenden Kräften hinter dem neuen Archäologie-Ausstellungsbereich der denkmal 2026. „Uns geht es darum, den Bedeutungszuwachs der Archäologie sichtbar zu machen“, erklärt Partheil. „Wir investieren stark in Fachkräfte- und Nachwuchsgewinnung. Dazu müssen wir zeigen, dass Archäologinnen und Archäologen nicht mehr nur an Universitäten oder bei der öffentlichen Hand arbeiten, sondern inzwischen dringend von der Privatwirtschaft gesucht werden.“

Längst bewege sich Archäologie in einem Milliardensektor – und wolle sich entsprechend präsentieren, nicht zuletzt auf der denkmal. Dies sei auch notwendig, denn paradoxerweise würden derzeit Professuren und Studiengänge für Archäologie oder Grabungstechnik ausgedünnt oder gar geschlossen. Das Megaprojekt Energiewende werde offenbar übersehen. Partheil ergänzt: „Bisher sprechen wir allein über Stromtrassen. Hinzu kommen neue Leitungen für Gas und Wasserstoff, aber auch Transformationsstationen und Energiespeicher, außerdem zunehmend Datenspeicherzentren, Logistikanlagen und Trassen für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur – unsere Arbeit wird noch einmal deutlich zunehmen.“

Große Hoffnung setzt sie zudem auf die europaweite Vernetzung, die durch die Teilnahme an der Messe erleichtert wird. „Wir wünschen uns mehr internationale Aufmerksamkeit für das Thema und einen Schub für die gegenseitige Unterstützung beim Bau der Stromtrassen. Das könnte den Fachkräftemangel zumindest etwas abfedern. Der Infrastrukturausbau ist ein europäisches Projekt.“

Viele Wege führen nach Rom – der gemeinsame Nenner mit der Baudenkmalpflege

Wie blickt Piffko denn auf die Nachbarschaft zu den Kolleginnen und Kollegen von der Baudenkmalpflege? „Ganz optimistisch“, sagt er – mit einer Einschränkung: „Die Methoden, an ein Denkmal heranzugehen, sind ganz unterschiedlich.“ In der Bodendenkmalpflege werde technisch gearbeitet: Objekte würden datiert, ihre kulturelle Einordnung bestimmt, ausgegraben, dokumentiert und archiviert – nicht im Original bewahrt. Die Baudenkmalpflege hingegen müsse das Bauwerk erhalten und arbeite stärker kunsthistorisch; Blickachsen, Umgebungskontext und die heutige Nutzung spielten eine wichtige Rolle. „All diese Fragestellungen fallen bei uns weitgehend weg“, so Piffko.

Ist ein gemeinsamer Nenner überhaupt möglich? „Natürlich“, sagt er. „Beide Bereiche eint die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit – was Kultur ist und was Kulturen ausmacht. Damit werden wir sicher ins Gespräch kommen. Boden- und Baudenkmalpflege können voneinander lernen und sich ergänzen.“

SPAU GmbH
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