24. - 26. November 2022 denkmal

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22.06.2022 denkmal

Dr. Christina Krafczyk: „Eine nachhaltige Nutzung des kulturellen Erbes ist substanziell für unsere Identität“

In unserer Rubrik „Denkmalschutz in Deutschland“ sprechen wir mit den deutschen Landeskonservatorinnen und Landeskonservatoren über ihre Arbeit, die aktuelle Situation in ihren Bundesländern und die größten Herausforderungen. Für diese Ausgabe haben wir mit Dr. Christina Krafczyk, Präsidentin des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, gesprochen. Sie berichtet unter anderem über die Online-Plattform „Denkmalatlas Niedersachsen“, die große Bedeutung eines ständigen öffentlichen Diskurses und den Green Deal der Europäischen Union.

Redaktion: Wie würden Sie Ihre Arbeit und deren Bedeutung einem Außenstehenden erklären?

Dr. Christina Krafczyk: Ich sehe die tradierte Aufgabe staatlicher, also gesetzlich geregelter Denkmalpflege in der Benennung, Erforschung, Erhaltung und Weitergabe des materiellen Kulturerbes einer Gesellschaft von Generation zu Generation. Die niedersächsischen Kulturdenkmale prägen das kulturelle Selbstverständnis unseres Landes in besonderer Weise, ihre Erhaltung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deshalb hat sich das Land Niedersachsen vor 40 Jahren ein Denkmalschutzgesetz gegeben. Auf dieser gesetzlichen Grundlage wurden Rahmenbedingungen und Einrichtungen geschaffen, um die notwendige Erforschung und Sicherung der vielfältigen, hochkarätigen Bau- und Kunstdenkmale und archäologischen Stätten in Niedersachsen dauerhaft zu ermöglichen und sie vor fehlgeleiteten Kurzfristinteressen zu schützen. Das geht allerdings nicht ausschließlich mit Gesetzen, sondern mit einer Diskussion auf Augenhöhe, mit möglichst geteilter Wertschätzung des Kulturerbes im Einzelfall und einer letztlich gemeinsamen Verpflichtung zur Erhaltung. Hier hilft jede Initiative, die das Augenmaß bewahrt. Gute Denkmalpflege ist immer auch gute Moderation und maßvolles Abwägen aller Interessen.

Bei uns in Niedersachsen gibt es, wie in den anderen Ländern, eine Vielzahl von Beteiligten auf der Denkmalbaustelle: die Denkmaleigentümer:innen, staatliche und kirchliche Bauverwaltungen, die beratende und forschende Denkmalfachbehörde, ca. 100 kommunale und eine staatliche Oberste Denkmalschutzbehörde im Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Planungsinstitutionen sowie zahlreiche Stiftungen, Vereine und wissenschaftliche Einrichtungen. Dabei übernehmen diese Beteiligten verschiedene Rollen wie beispielsweise die Bauherrenfunktion, die Aufgabe von Planung und Ausführung, die Vertretung des Denkmalschutzes oder die Beteiligung eines erweiterten Partnerfelds. Im Laufe der letzten 40 Jahre haben sich im Umgang mit dem Kulturerbe verbindliche Standards und klare Verfahrensabläufe etabliert. Dennoch sind die verschiedenen Blickwinkel und Einzelinteressen der Beteiligten dadurch nicht automatisch harmonisiert. Und es gibt zahlreiche andere öffentliche Belange, die es zu berücksichtigen gilt, beispielsweise Brandschutz oder Energieeffizienz. Für alle Beteiligten ist es deshalb wichtig, dass wir uns stetig darüber austauschen, ob und wie wir das gemeinsame Interesse an der Erhaltung des kulturellen Erbes verfolgen.

Redaktion: Wie ist die aktuelle Situation der Denkmale in Niedersachsen und was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Dr. Christina Krafczyk: "Die Art, wie wir das Kulturerbe heute nutzen, pflegen und schützen", so beschreibt es die Davos Declaration 2018 zum Leitthema Baukultur, "wird entscheidend sein für die zukünftige Entwicklung einer gebauten Umwelt von hoher Qualität". Der Umgang mit dem Bestehenden, den hochwertigen Kulturdenkmalen sowie den nicht geschützten qualitätvollen Baubeständen wird kulturell und ökonomisch eine immer wichtigere Rolle einnehmen, wenn es um das Erreichen unserer Klimaziele geht. Wir müssen Vorurteile ausräumen und sichtbar machen, dass Denkmalpflege keine Nischendiskussion führt, sondern langfristiges Denken, Resilienz und Dauerhaftigkeit bedeutet. Das heißt: Denkmalpflegerische Arbeit steht heute mehr denn je in einem neuen Kontext werterhaltenden Denkens. Gerade in einer Zeit rapider Veränderungen ist das baukulturelle Erbe geeignet, Identität zu schaffen und sehr unterschiedliche Teile unseres Gemeinwesens zusammenzuführen. Das Leitbild Denkmalpflege im Sinne der Nachhaltigkeit unserer gebauten Umwelt berührt darüber hinaus ein wichtiges Zukunftsthema für unsere Gesellschaft.

Um ihrem Auftrag zeitgemäß nachzukommen, muss und will sich die Denkmalpflege immer wieder in einen öffentlichen Diskurs begeben. Vor drei Jahren haben wir daher unter dem Titel "System Denkmalpflege" einen Runden Tisch zur Denkmalpflege in Niedersachsen konstituiert, dem Vertreter:innen der verschiedensten Interessengruppen angehören – von den Landeskirchen und dem Niedersächsischen Heimatbund über Handwerks- und Architektenkammern bis hin zu Wohnungswirtschaft, kommunalen und Grundbesitzerverbänden etc. Ziel war es, die breite gesellschaftliche Akzeptanz und Relevanz von Denkmalschutz und Denkmalpflege zu erhöhen. Dazu wurden in einem Dialog Problemfelder und notwendiger Regelungsbedarf identifiziert. Beispielsweise konnten wir auf die nicht ausreichende niedersächsische Landesförderung für Denkmalpflege, auf einen Mangel an ressortübergreifender Förderung zur Vereinbarkeit von Klimaschutz und Denkmalpflege sowie auf nur rudimentäre Ausbildungsformate im Bereich Denkmalpflege und Bestand an den Hochschulen in Niedersachsen und auf zu geringe personelle Ausstattung der Denkmalfachbehörde hinweisen. In den Arbeitstreffen wurden aus unterschiedlichen Blickwinkeln weitere Bedarfe und Intransparenzen im Umgang mit dem Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz und im System Denkmalpflege bilanziert. Dieser Prozess ist selbstverständlich nicht abgeschlossen, aber wir haben inzwischen unterschiedliche Aktivitäten auf den Weg bringen können.

Ein wichtiges Format zur Transparenz auf der fachlichen, öffentlichen und wissenschaftlichen Ebene ist dabei der Denkmalatlas Niedersachsen , unsere Online-Plattform zur Vermittlung des Denkmalwissens in Niedersachsen, die die Vielfalt der Kulturlandschaften und den hochkarätigen Denkmalbestand erstmals im Internet frei zugänglich macht und somit als Werkzeug für die Fachleute der Denkmalpflege und Baupraxis sowie für die Forschung zur Verfügung steht. In dem bis 2023 angelegten Projekt wird das Verzeichnis der Kulturdenkmale geprüft, aktualisiert und schrittweise online veröffentlicht. Der Denkmalatlas Niedersachsen bietet ein breites Spektrum unterschiedlicher Zugänge und Recherchemöglichkeiten. Weiterführende Informationen wie digitalisierte Publikationen und Sammlungsbestände werden unter denkmal.ressourcen angeboten. Einen thematischen Zugang zur Vielfalt der Kulturlandschaften in Niedersachsen bieten die denkmal.themen, die spezifische Fragen der niedersächsischen Denkmallandschaft beleuchten und zu den entsprechenden Denkmalen im ganzen Land führen.

Redaktion: Was war bisher die größte Herausforderung, die Sie mit Blick auf die Denkmallandschaft beschäftigt hat, und auf welchen Projekten liegt derzeit Ihr Hauptaugenmerk?

Dr. Christina Krafczyk: In den letzten Jahren lag ein wichtiger Fokus auf dem Aufbau des Denkmalatlas – nun stehen wir vor der großen Herausforderung der Verstetigung des von der Öffentlichkeit ebenso wie den Fachcommunities sehr gut angenommenen Portals. Darüber hinaus hat sich spätestens seit 2021 und besonders in diesem Jahr ein wichtiger Schwerpunkt in der Frage nach der Vereinbarkeit von Denkmalpflege und Klimaschutz unter dem Titel #RessourceKulturerbe herausgebildet. Die Bedeutungen des Kulturerbes als materielle und als ideelle Ressource sind eng miteinander verbunden, da wir über das notwendige Wissen und die Fähigkeiten verfügen müssen, um das materielle Erbe bewerten, erhalten und für nachfolgende Generationen als Orte der Erinnerung und Identifikation zur Verfügung stellen zu können. Eine nachhaltige Erhaltung und Nutzung des kulturellen Erbes ist substanziell für unsere Identität und kann in der Komplexität ihrer Überlieferung nicht reproduziert werden.

Es geht aus meiner Sicht also nicht darum, die verschiedenen Anforderungen an den denkmalgeschützten Gebäudebestand gegeneinander auszuspielen, sondern eher darum, für einen gemeinsamen Blick auf das Ganze zu werben und aus der Perspektive der Denkmalpflege aufzuzeigen, dass die bestehenden Strukturen bereits oft bewiesen haben, wie resilient sie sind, welche klugen individuellen Anpassungen im Einzelfall möglich sind und warum bestehende Gebäude bestimmte Bilanzierungen des Klimaschutzes längst erfüllen. Ältere Studien haben gezeigt, dass Erhaltung und Umbau – normalisiert auf die Bezugsgröße einer Nutzflächeneinheit – um den Faktor vier geringere Umweltbelastungen als Abriss und Neubau erzeugen. Schwerpunkte dürfen nicht mehr beim Abriss und Ersatzneubau liegen, sondern beim Sanieren, beim Umbauen und bei der Weiternutzung des Bestehenden. Anders als beim Neubau haben wir es beim Umgang mit Bestand mit einer Umkehrung der Planungsprozesse zu tun. Wir müssen notwendigerweise von den jeweiligen Gegebenheiten und Qualitäten des Bestehenden ausgehen. Die Denkmalpflege könnte in ihren methodischen Vorgehensweisen und ihrem Ansatz zur Wertschätzung und Werterhaltung des Bestehenden eine Vorreiterin und wesentliche Impulsgeberin für eine neue Umbauordnung sein. Deshalb greift es auch zu kurz, nur über möglichst denkmalgerechte energetische Ertüchtigung im Einzelfall zu diskutieren. Vielmehr gilt es, generelle Fragen des Umgangs mit Kulturerbe und Bestand im Zusammenhang mit Klimaschutz neu zu denken. Dazu kann die Denkmalpflege, die für Langlebigkeit, Dauerhaftigkeit, lange Nutzungsdauer und ganzheitliche Bewertungsansätze steht, wesentliche Impulse liefern.

Redaktion: Sie sind Mitglied in verschiedenen Denkmalschutz-Organisationen, unter anderem ICOMOS. Inwiefern helfen Ihnen diese unterschiedlichen Perspektiven in Ihrer Arbeit als Präsidentin des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege?

Dr. Christina Krafczyk: Ich bin davon überzeugt, dass wir als Denkmalpfleger:innen nur in einem Netzwerk und interdisziplinären Diskurs mit den Kulturinstituten, den staatlichen und kirchlichen Bauämtern, der Baupraxis, der Öffentlichkeit und den Hochschulen und vielen anderen unsere Themen als gesellschaftlich relevant und unsere Aufgabe als weiterhin notwendig platzieren können. Nur in einer klugen Zusammenarbeit der Verantwortlichen und mit der nachhaltigen Unterstützung von politischen Entscheidungsträger:innen können Prioritäten richtig gesetzt und Nutzende überzeugt werden. Neben den Denkmalschutz-Organisationen wie ICOMOS oder DNK sind wir daher auch in enger Abstimmung mit Verbänden wie Architekten- und Handwerkskammern im Rahmen des "Systems Denkmalpflege", aber auch der Bundesstiftung Baukultur. Zuletzt habe ich mich auf Ebene der Europäischen Union in der OMK-Expertengruppe "Stärkung (und Nutzung) der Resilienz des Kulturerbes" engagiert, die im Herbst 2022 in Form eines final report auf Basis einer umfangreichen Material- und Beispielsammlung aus den Mitgliedstaaten Empfehlungen an die EU-Kommission aussprechen und damit eine besondere Aufmerksamkeit für die wichtige Rolle des kulturellen Erbes in den Klimaschutzdebatten erzeugen wird.

Neben den Auswirkungen des Klimawandels auf das Kulturerbe wird in der OMK-Gruppe auch über dessen Beitrag zur Nachhaltigkeit und Verbesserung der Klimaneutralität diskutiert. Es geht um die Stärkung und Nutzung der bestehenden Resilienz des Kulturerbes für den Klimaschutz. Da Klimaschutz in der öffentlichen Wahrnehmung so präsent ist, haben wir aktuell viele gute Gründe, die Relevanz von Denkmalpflege in die vielschichtigen gesellschaftlichen wie auch fachlichen Diskussionen einzubringen. Der zentrale Ausgangspunkt von zahlreichen denkmalpflegerischen Aktivitäten auf Länder- und Bundesebene sowie in der EU ist, dass Klimaschutz und Denkmalschutz vereinbar sind und wir für die gute Koexistenz von klugen Bilanzierungen von "Grauer Energie", kluger Interventionen am Baudenkmal als Beitrag zum Klimaschutz und die Bewahrung der kulturellen sowie materiellen Werte gleichermaßen sensibilisieren müssen. Umso wichtiger ist es, dass das europäische Kulturerbe in dem aktuell diskutierten European Green Deal und den entsprechenden Richtlinien zur Energieeffizienz besondere Berücksichtigung findet und auf ihre Relevanz nicht nur für die Kultur-, sondern auch für die Bau- und Klimapolitik hingewiesen wird.

Mit der Renovation Wave for Europe verfolgt die Europäische Kommission eine Strategie, mit der die jährliche Sanierungsrate des europäischen Wohn- und Nichtwohngebäudebestands bis 2030 mindestens verdoppelt werden soll. Das baukulturelle Erbe findet im Green Deal bislang keine explizite Berücksichtigung. Als Antwort darauf hat das Cultural Heritage Green Paper von ICOMOS und Europa Nostra 2021 mit einem Themenblock Building Renovation einen besonderen Schwerpunkt gesetzt und zum Ausdruck gebracht, dass Cultural Heritage – mit dem derzeit ausschließlichen Blick auf die Emissionen – nicht Teil des Problems ist, sondern in einem ganzheitlichen Verständnis vielmehr einen Beitrag zur Lösung leisten kann. Aufgrund zahlreicher Interventionen aus dem Kulturerbebereich konnte die differenzierte Berücksichtigung des Kulturerbes in der Überprüfung der bestehenden Energieeffizienzrichtlinie (EED) und der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) in die Entscheidungskompetenz der Mitgliedstaaten verankert werden. Das Ziel, ganzheitliche Ansätze in den Richtlinien zu verankern und den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden zu berücksichtigen, ist aber nicht erreicht worden, insofern bleibt das bauliche Erbe Europas gefährdet. Auf Bundesebene muss frühzeitig auf die Berücksichtigung des Kulturerbes bei der Umsetzung der Richtlinien in Bundesgesetze hingewirkt werden.

Um eine größere politische und öffentliche Aufmerksamkeit zur Relevanz des Kulturerbes in der Klimaschutzdebatte zu erzielen, haben auch das DNK und die VDL im letzten und in diesem Jahr erfolgreiche entsprechende Themenschwerpunkte gesetzt. Dazu zählt u.a. die Lobby-Kampagne "Denkmalschutz ist aktiver Klimaschutz" der VDL, welche sich mit plakativen Thesen in sogenannten Onepagern im Oktober 2021 an die Koalitionsparteien der neuen Bundesregierung gewandt hat, um für eine Berücksichtigung des Themas im neuen Koalitionsvertrag zu werben. Das DNK hat in Kooperation mit der VDL am 2./3. Juni 2022 eine Netzwerkveranstaltung unter dem gleichen Titel veranstaltet. Ziel war es, in Politik und Fachwelt auf die Transferleistungen aus der Denkmalpflege für eine klimagerechte Bauerhaltung und Umbaukultur hinzuweisen und das Netzwerk zwischen Baukultur, Baupolitik und Klimaschutz zu festigen. Wenn es gemeinsam gelingt, die Potenziale des Kulturerbes für den Klimaschutz zu vermitteln, wenn wir neue Korridore einer Weiternutzung finden und "Ausnahmeregelungen" durch den Denkmalschutz sinnvoll einsetzen können, werden die Themen der Denkmalpflege hoffentlich nicht länger als Verhinderung von Klimaschutz wahrgenommen.

Redaktion: Wenn Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Dr. Christina Krafczyk: Ich wünsche dem großartigen Kulturerbe Niedersachsens und denjenigen die damit umgehen weiterhin Unterstützung von Gesellschaft und Politik und die gemeinsame Bereitschaft, die Werte bewahren zu wollen. Ich wünsche mir, dass es uns gemeinsam gelingt, sichtbarer zu machen, wie vorausschauend und relevant denkmalpflegerisches Denken, Wissen und Handeln im Zusammenhang mit den brennenden aktuellen gesellschaftlichen Themen wie Klimawandel und Ressourcenschonung ist. Damit könnte die positive Wahrnehmung der Denkmalpflege in der Gesellschaft verstärkt werden.

Foto: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
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