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10.03.2026 denkmal

Ein Beruf wird 40! Und jedes Denkmal bleibt ein Geheimnis

Vor vier Jahrzehnten startete an der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld der erste Lehrgang zum „Restaurator im Handwerk“. Einer der ersten Teilnehmer war Harald Lemmler. Gemeinsam mit der heutigen Lehrgangsleiterin Heike Notz blickt er auf die Entwicklung eines Berufs, der Handwerk, Wissenschaft und Verantwortung für das kulturelle Erbe verbindet.

Als er 1984 die Fortbildung bei der Akademie Schloss Raesfeld in Nordrhein-Westfalen begann, hatte er die Prüfung zum Meister im Maler-Handwerk bereits bestanden. Zwei Jahre später hatte Harald Lemmler auch den Titel „Restaurator im Handwerk“ in der Tasche und gehörte damit zu den ersten überhaupt, die sich so nennen durften. Ganze 40 Jahre später schaut er zurück und erinnert sich: es war eine kleine Zeitungsannonce, die ihn auf den neu angebotenen Lehrgang aufmerksam machte. Sein ursprüngliches Ziel, Diplom-Restaurator zu werden, verwarf er damit. „Es war eine ganz pragmatische Entscheidung, diesen Titel führen zu wollen. Zudem wollte ich die denkmaltheoretische Herangehensweise stärken, denn Denkmalpflege geschieht sowohl mit der Hand als auch mit dem Kopf.“

Der später auf Schloss Raesfeld langjährig tätige Ausbildungsleiter, Eckard Zurheide, hatte sich auf die Fahne geschrieben, den Lehrgang grundlegend inhaltlich zu konzeptionieren und neu auszurichten. Er stärkte den theoretischen Unterbau der Fortbildung, restaurierungsethische Fragestellungen und methodische Herangehensweisen rückten stärker in den Mittelpunkt, systematisch wurde von nun an das Dokumentationswesen vermittelt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lehrgangs lernen seither, dass die fachgerechte Bestandsaufnahme, Schadensanalyse und Maßnahmenplanung die unverzichtbare Grundlage jedes Restaurierungskonzeptes bilden. Somit gewährleisten sie in ihrer Tätigkeit, dass ihre Eingriffe nachvollziehbar, reversibel und denkmalverträglich erfolgen. Eine Herkulesaufgabe. „Und die hat Eckard Zurheide in einer ganz hervorragenden Weise gemeistert.“ meint Lemmler, der bis zum letzten Jahr übrigens selber als Ausbilder im Lehrgang von Schloss Raesfeld fungierte. Heike Notz ist für diesen Lehrgang seit 2024 zuständig. Mit erfolgreich abgeschlossenem Lehrgang dürfen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach wie vor „Geprüfter Restaurator im Handwerk“ oder „Geprüfte Restauratorin im Handwerk“ nennen, mit dem Zusatz „Master Professional für Restaurierung im Handwerk“.

Bild: Harald Lemmer

Wie sich die Denkmalpflege verändert…

Lemmler erinnert sich, dass es in den Anfangsjahren vor allem darum ging, handwerkliche Erfahrung mit einer fundierten denkmalpflegerischen Theorie zu verbinden. Viele der Teilnehmenden seien damals bereits erfahrene Praktiker gewesen – „gestandene Denkmalpfleger, nur ohne Titel“. Entsprechend pragmatisch sei die Motivation gewesen: Man habe die Qualität der Denkmalpflege stärken wollen. „Denkmäler wurden schließlich von Handwerkern gebaut. Also sind Handwerker auch in der Lage, sie zu erhalten.“ Seitdem hat sich das Arbeitsfeld deutlich verändert. Während früher vor allem traditionelle historische Materialien im Mittelpunkt standen, ist die Materialwelt der Denkmäler erheblich vielfältiger geworden. „Denkmäler reichen heute bis an unsere eigene Zeit heran“, sagt Lemmler. Der Begriff des „historischen Materials“ sei deshalb längst nicht mehr eindeutig. Neue Baustoffe, Beschichtungen und Verbundmaterialien machen die Analyse komplizierter und wissenschaftliche Untersuchungen immer wichtiger.

Bevor restauriert wird, steht deshalb konsequent die Untersuchung. „Ich kann eigentlich erst anfangen, wenn die Analyse abgeschlossen ist“, beschreibt Lemmler seine Herangehensweise. Am Anfang stünden Bestandsaufnahme und Dokumentation: Geschichte, Materialien, Schadensbilder. Erst daraus entwickle sich ein Restaurierungskonzept. „Das ist ein bisschen wie bei einem Kriminalfall – man hat zunächst ein Rätsel zu lösen.“ Dabei gehe es nicht nur um handwerkliche Entscheidungen, sondern auch um gesellschaftliche Erwartungen. Ein Beispiel seien romanische Kirchen. Ursprünglich waren viele von ihnen verputzt und bemalt – der Kalkputz diente zugleich als Schutzschicht. Über Jahrzehnte hinweg wurden sie jedoch „steinsichtig“ restauriert, sodass das Mauerwerk sichtbar blieb. „Die Bevölkerung hat sich daran gewöhnt, Kirchen so zu sehen“, sagt Lemmler. Eine Rückkehr zum historischen Putz würde heute vielerorts die gewohnte Optik verändern und womöglich auf Ablehnung stoßen. Gerade diese komplexe Abwägung macht für Lemmler den Reiz seiner Arbeit aus. Jede Restaurierung beginne mit Fragen. Eigentümer wollten häufig wissen: „Was kann man denn machen?“ Die ehrliche Antwort laute zunächst: noch gar nichts. „Planung ist oft erst möglich, wenn man das Denkmal wirklich verstanden hat.“ Zustand, Materialität und die über Jahrhunderte entstandenen Veränderungen bestimmten letztlich den Weg der Restaurierung. „Es ist keine Aufgabe, die man einfach abhakt“, sagt er. „Es ist eine Verpflichtung gegenüber dem Kulturgut. Denn Vernichten kann man nur einmal - immer dann, wenn gedankenlos gearbeitet wird.“

Bild: Harald Lemmer

...und in Raesfeld reagiert wird

Dass sich die Anforderungen verändert haben, zeigt sich auch in der Fortbildung. Rund 70 Teilnehmende sind derzeit in verschiedenen Kursen an der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld eingeschrieben, berichtet Heike Notz. Mit dem Master sei insbesondere der naturwissenschaftliche Anteil deutlich gestiegen. Materialanalysen, Schadensdiagnostik und wissenschaftliche Projektarbeiten nehmen heute mehr Raum ein als noch vor einigen Jahrzehnten. „Wir werden mit diesem Abschluss auch an Hochschulen gemessen – entsprechend hoch ist der Anspruch.“

Ein weiterer, wichtiger Unterschied zu früher: Die entwickelten Restaurierungskonzepte für die prüfungsrelevanten Projektarbeiten bleiben heute nicht mehr nur Theorie. „Die Teilnehmenden müssen diese auch praktisch umsetzen“, sagt Notz. Die Projektarbeit sei intensiver geworden und erfülle stärker wissenschaftliche Anforderungen – ohne dass dabei das Handwerk zu kurz kommt. Im Gegenteil, der Großteil der Fortbildung ist und bleibt der handwerkliche Part. Ein Ziel ist es Restauratorinnen und Restauratoren im Handwerk darauf vorzubereiten eng mit Architektinnen, Denkmalpflegern und anderen Fachleuten zusammenzuarbeiten – „auf Augenhöhe“, wie Notz betont.

Während Lemmler also beschreibt, wie die Materialien der Denkmäler immer komplexer werden, reagiert die Fortbildung genau darauf: mit mehr Analyse, mehr Wissenschaft und fundierterer Projektarbeit. Gleichzeitig bleibt der Kern des Berufs derselbe. „Es darf keine Verkopfung entstehen“, sagt Lemmler. „Am Ende braucht es immer noch das Handwerk im Wortsinne, das Arbeiten mit den Händen.“

Bild: Harald Lemmer

Auch in 40 Jahren: erst fragen, dann antworten!

Gerade darin sieht Lemmler auch eine Herausforderung für den Nachwuchs: Viele junge Fachkräfte seien heute hervorragend im digitalen Planen und Dokumentieren, doch an der praktischen Ausführung fehle es manchmal. Sein Rat lautet daher schlicht: „Zurück zu den Basics.“ Gleichzeitig wirbt er bei jungen Menschen dafür, den Weg in die Restaurierung im Handwerk zu wagen. Der Markt sei überschaubar, geprägt von kleinen und mittleren Betrieben – doch die Arbeit biete eine außergewöhnliche Vielfalt. „Jedes Denkmal birgt ein Geheimnis“, sagt Lemmler. Es gehe darum, den Spuren der Menschen nachzugehen, die ein Bauwerk hinterlassen haben. Und auch Heike Notz blickt optimistisch in die Zukunft der Fortbildung. Viel verändern müsse sich gar nicht, sagt sie. Die Nachfrage sei hoch und das Interesse groß. Wenn weiterhin engagierte Restauratorinnen und Restauratoren im Handwerk ausgebildet werden, ist das Fundament für einen qualitativ hochwertigen Umgang mit historischen Objekten gelegt. Eine neue Generation, die ganz im Sinne Lemmlers erst Fragen stellt, bevor sie Antworten gibt, vielleicht auch erst einmal nur sehr genau hinsieht und dann analysiert, konzeptioniert und, schlussendlich: mit den eigenen Händen beginnt zu arbeiten. Auch noch in 40 Jahren.

Bild: Harald Lemmer
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