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Ein Objekt macht noch kein Denkmal – von der Kraft des Fotos
Wie nähert sich ein Architekturfotograf seinen Objekten? Wie gestaltet sich die Debatte zwischen Neubau und dem Bauen im Bestand durch den Blick einer Kameralinse? Und wie viel Freiheit steckt in der Dokumentation von denkmalgeschützten Gebäuden? Piet Niemann aus Hamburg ist Architekturfotograf und hat einige Rückschlüsse aus seiner Arbeit gezogen. Mit uns hat er sie geteilt.
Ohne sie hätten wir sprichwörtlich kein Bild von den Objekten, über die wir sprechen. Fotografien verleihen Architektur – gleich ob denkmalgeschützt oder neu gebaut – überhaupt erst ihre Strahlkraft. Zumindest dann, wenn es sich um die Architektur des öffentlichen Raums handelt. Und damit ist direkt eine der wesentlichen Abgrenzungen vollzogen, die sich bei der Arbeit von Piet Niemann, Architekturfotograf aus Hamburg, ziehen lassen. „Ich finde die Orte interessant, wo Menschen sind, wo sie interagieren und die finde ich in der Umgebung öffentlicher Architektur.“ sagt er. In der privaten Architektur zeige sich häufig der Wille zum Rückzug. Die Fotografie müsse sich zumeist auf in Szene gesetzte Räume einlassen. Menschen kommen bei diesen Fotografien so gut wie gar nicht vor. Das Öffentliche hingegen ist der Ort der Spontaneität. Mehr Zeit muss mitgebracht werden, um sich dem bestimmten Objekt zu nähern, es zu beobachten und zu verstehen, wie Menschen es nutzen. Und um den einen Moment abzupassen, in dem menschliche Interaktion in einem aussagekräftigen Bild festgehalten werden kann. Niemann erinnert sich an ein Foto, dass ihm im Jahr 2019 auf der Hamburger Promenade gelungen ist, als ein Vater seinem Sohn die Schnürsenkel zuband. Eine alltägliche Szene, die beschreibt, was Niemann meint. Das Schlendern auf der Promenade, unterbrochen durch einen offenen Schnürsenkel, fortgesetzt durch elterliche Fürsorge – hier erzählt sich anhand eines kurzen, fotografisch festgehaltenen Blicks eine kleine Geschichte inklusiver vermittelter Emotion. Die Grundlage dafür war die Promenade als der Ort, der überhaupt zum Schlendern einlud.
Bild von der Hamburger Promenade / Schnürsenkel – Piet Niemann, freie Produktion
Fotografie profitiert inzwischen vom Bauen im Bestand
Lange Zeit hat Niemann frei gearbeitet, wenn es um denkmalgeschützte Architektur ging. Aufträge erhielt er eher für das Abbilden zeitgenössischen Architektur. Doch das hat sich grundlegend gewandelt. Mehr und mehr werden denkmalgeschützte Gebäude umgebaut und so steigt auch das Interesse an Fotografien durch die beteiligten Architektinnen und Architekten oder die Eigentümerinnen und Eigentümer. Denn die Fotos dienen dem Arbeitsnachweis, der Dokumentation und dem Marketing. Ein herausragendes Beispiel ist wahrscheinlich der „Boekhandel Dominicanen“, der „Dominikanische Buchhandel“ im niederländischen Maastricht. Eine ehemalige Kirche lässt beim Stöbern nach Büchern ganz offenbar Harry-Potter-Vibes aufkommen – so zumindest eine subjektive Interpretation aus Niemanns Bildern. Vorgenommen wurde der Umbau im Jahr 2007 von dem Büro Merkx + Girod Achitecten aus Amsterdam. Niemann berichtet: „Gerade in den Niederlanden und Belgien ist ein sehr progressiver Umgang mit der Umnutzung denkmalgeschützter Bauten zu beobachten. Das geht dann auch bis hin zur Entweihung von vormals sakralen Bauten.“ Gleichzeitig stellt er fest, dass es einiges an Mut bedürfe, wenn Bauherrinnen und -herren sich entschlössen, im Bestand zu bauen. „Da ist nie ganz klar, was auf einen zukommt,“ meint er. Ein passendes Beispiel ist da auch das denkmalgeschützte Congress Center Hamburg (CCH). Hier musste inmitten der Ästhetik der 70er Jahre – und ihrer Technik – die Technik des 21. Jahrhunderts eingebaut werden. Ein hoher Kostenpunkt für den von 2017 bis 2022 währenden Umbau, verantwortet durch das Hamburger Architekturbüro Hupe Flatau Partner.
Und welche Rolle spielt das Dokumentieren von Denkmälern in der Arbeit von Piet Niemann? Erfahrungen hat er vorzuweisen. Vor einigen Jahren hat er Objekte für das Hamburger Denkmalschutzamt vor deren Umbau dokumentiert. Jedoch: „Die Ästhetik spielt da keine Frage. Es sind andere Fragestellungen relevant, wie die Größe einer Bank oder der Abstand zwischen zwei Fenstern. Da fotografiere ich dann mit dem Maßband vor der Linse.“ Überzeugt hat diese Arbeit Niemann nicht.
Bild vom Boekhandel Dominicanen – Piet Niemann im Auftrag für Merkx + Girod Architecten, Amsterdam
Nur für den Augenblick – eventbezogener Neubau
Die Frage der Umnutzung wird bei vielen Bestands- beziehungsweise denkmalgeschützten Bauten immer drängender. Oftmals aus der Not heraus, weil Menschen und Gesellschaften sich verändert haben und Gebäude nicht mehr für ihren ursprünglichen Zweck benötigen. In manchen Fällen jedoch stellt sich nicht die Frage der Umnutzung, sondern die der Weiternutzung nach einem bestimmten Event. Und in einigen Fällen wurde die Frage offenbar nie gestellt. Eines von Niemanns größten Projekten – für das er den European Architectural Photography Prize 2023 und die Bronzemedaille des Deutschen Fotobuchpreises 24/25 erhalten hat – ist die Reihe „Expo 2000 – 20 Years Later“. Auffallend ist, dass hier anders als bei Niemanns Werken eine neblige Stimmung das Bild beherrscht, das Licht fällt durch eine Art diesigen Vorhang. Das hat auch seinen Grund. „Ich habe mich bewusst dafür entschieden, da dieses gigantische Areal sich in einer Art Dornröschenschlaf befindet. Man spürt, dass dort mal etwas Großes stattgefunden hat, nun aber verfällt.“ Das Herbstthema und der Nieselregen passten. Ein Warten auf bessere Lichtverhältnisse, so wie es sonst oft, nicht immer, Teil von Niemanns Job ist, war nicht nötig. Der Nachhaltigkeitsgedanke ging bei der Expo 2000 offensichtlich verloren [Einblicke in diese Arbeit finden sich auf Niemanns Website ].
Ganz eindeutig wird das für Niemann beim niederländischen Pavillon. Hier wurden für eine der vielen Ebenen, aus denen sich das Gebäude zusammensetzt, mehrere hundert Jahre alte Bäume gefällt und als tragende Säulen verwendet. „Gedankenlos“, nennt Niemann so etwas. Glücklicherweise ist ein Umdenken zu beobachten. Sind da nicht die neulich erst abgeschlossenen Olympischen Winterspiele im italienischen Milano / Cortina ein Beispiel? Weitgehend wurde dort versucht, bestehende Wettkampfstätten zu nutzen und auf Neubauten zu verzichten. Das geschah zum Nachteil eines zentralisierten Sporterlebnisses, doch gerade Spiele wie die in London im Sommer 2012 zeigen eines: dort, wo das gemeinschaftliche Austragen der Wettkämpfe Priorität hatte, wurde viel neugebaut – verfällt heute viel. Zumindest in Demokratien lasse sich so etwas nach zahlreichen schlechten Erfahrungen – gleich ob Sportveranstaltung oder Expo – nicht mehr vermitteln, denkt Niemann.
Was Fotografie bewirken kann…
Können Fotografien denn den Wert eines Denkmals stärken – oder ihn gar sichtbar machen? Niemann bejaht ausdrücklich. Für alle Gebäude gelte das, denn die wenigsten Menschen würden den Weg auf sich nehmen, um an einen bestimmten Ort zu fahren und es zu sehen. Erst durch Fotografie und ihre Publikation wird weitreichende Sichtbarkeit hergestellt. Das Taj Mahal in Indien, das Empire State Building in New York City, das Opernhaus in Sydney – die wenigsten in Europa werden alle drei Gebäude in ihrem Leben gesehen haben und doch springt bei jeder Nennung sofort ein Bild ins Auge. Durch die Macht der Fotografie. Niemann nennt ein europäisches Beispiel aus seiner Stadt, Hamburg. Bevor die Hamburgerinnen und Hamburger die Elbphilharmonie in ihrer Vollendung gesehen haben, haben sie sie gehasst. „Aber als sie dann eröffnet wurde, da waren sie alle schockverliebt. Da waren sie plötzlich alle schon immer dafür. Diese Strahlkraft der Elbphilharmonie – am Ende auch in den Rest der Republik – hätte ohne Fotografie nicht stattfinden können.“
Sicher ist sich Piet Niemann im Übrigen, dass es weitergeht mit der Architekturfotografie. Computergenerierte Bilder haben sie nicht ablösen können, obwohl alle es damals schon meinten, also schaffe das auch die Künstliche Intelligenz nicht. Es bestehe ein Bedürfnis danach zu sehen, was die Idee bei einem Bauwerk war und was daraus in der Realität – und dieser Begriff sei doppelt unterstrichen – geworden ist. Klar gebe es auch den Trend zum Bewegtbild. Aber ein Film könne die inhaltliche Dichte einer Fotografie schwerer erreichen. Fotografie habe eben den Vorteil, den menschlichen Blick einzufangen und dazu einzuladen, tiefer einzusteigen. Sie schafft schlicht ikonische Bilder.
Mehr Einblicke in die Arbeit von Piet Niemann finden sich auf seiner Website.