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Engagement in der Stadt: Genossenschaftliches Wohnen und Denkmalschutz Hand in Hand
Als Mietergemeinschaft zusammen das eigene Haus verwalten, sich um die Finanzierung kümmern, die Kommunikation zwischen allen beteiligten Parteien stemmen – das alles klingt nach viel Aufwand. Und oftmals kommen noch Denkmalschutzauflagen hinzu. Doch es ist genau dieses Engagement von zahlreichen Menschen aus der Leipziger Stadtgesellschaft, das Bestandsbauten erhält und für deren Sanierung sorgt. Und ganz nebenbei einen Beitrag zum Erhalt von lebenswerten Vierteln mit bezahlbaren Mieten leistet. Ein Blick auf die „Solidarische Wohnungsgenossenschaft Leipzig eG“, kurz „SoWo“, zeigt, was alles hinter dem selbstverwalteten Wohnen in Leipziger Hausprojekten steckt.
Erker und Balkone verleihen dem Haus auf der Richterstraße im Leipziger Stadtteil Gohlis einen fast herrschaftlichen Charakter. Das war auch so gewollt, war es doch für höhere Angestellte des Mitteldeutschen Braunkohlesyndikats im Jahr 1924 errichtet worden. Den Zweiten Weltkrieg überstand es fast unbeschadet, zu DDR-Zeiten zogen Arbeiterinnen und Arbeiter ein. Das Besondere heute an dem Haus ist, dass in jeder geschichtlichen Phase Veränderungen und Anbauten am Haus vorgenommen wurden. Eine wirkliche Sanierung fand jedoch nie statt, umso mehr Aufwand muss heute betrieben werden. Das übernimmt eine Organisation, die wesentlich von den Menschen, die dort wohnen, mitbestimmt wird – der Solidarischen Wohnungsgenossenschaft Leipzig eG, kurz „SoWo“.
Unterstützung durch die SoWo
Die SoWo kann dann Häuser aufkaufen, wenn Mieterinnen und Mieter sich organisieren und Verwaltung und Sanierung im Rahmen der Wohnungsgenossenschaft selber in die Hand nehmen wollen. So geschah es auch bei der Richterstraße. Im Jahr 2023 wurde der Erbbaurechtsvertrag geschlossen, das Gebäude ging an die SoWo über, aus Mieterinnen und Mietern wurden Mit-Eigentümerinnen und Eigentümer. Dem voraus gingen Jahre des Ankämpfens gegen den schleichenden Verfall. Seit den 90er Jahren war das Haus beim städtischen Liegenschaftsamt, das wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse nur einfache Absicherungsmaßnahmen gewährleistete. Die dort wohnenden Familien und WGs übernahmen schrittweise Verantwortung für das Haus, rückten Dachziegel gerade und reparierten den Zaun.
Seit Vertragsabschluss werden die Restaurierungsmaßnahmen intensiviert. Die originalen Kastenfenster werden aufwändig restauriert und der großzügig angelegte Garten vitalisiert. Dies geschah nicht zuletzt durch eine Förderung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und unter Beteiligung zweier FSJler-innen aus den Jugendbauhütten. War der Denkmalschutz eher Bürde oder Leidenschaft? Michael Stellmacher, der zuständige Projektentwickler der SoWo für die Richterstraße meint: „Der Denkmalschutz war vor allem ein Herzensanliegen. Den Bewohnerinnen und Bewohnern war es wichtig, das Gebäude in der Substanz, mit den Materialien, aus denen es besteht, zu erhalten.“
Denkmalschutz als Instrument sozialer Stadtentwicklung
Eines der ersten Projekte der SoWo steht in Lindenau. Das große Gründerzeithaus an der Georg-Schwarz-Straße wurde noch vor 1900 errichtet. Nachdem ein österreichischer Investor es jahrelang verfallen ließ, blieben 2017 nur noch drei Mietparteien übrig. Die Hoffnung, das Haus alsbald zu sanieren, schwand. Im selben Zeitraum gründete sich gerade die SoWo. Die fand, obwohl sie gerade erstgegründet war, einen Weg, dem Investor das Haus abzukaufen. Heute lebt hier eine engagierte Hausgemeinschaft in Selbstverwaltung. Abgesichert werden sie durch einen Pachtvertrag mit der SoWo.
Die Sanierung begann kurz vor der Corona-Pandemie und stellte alle Beteiligten auf die Probe. Der historische Schiefer des an Türmchen und Giebeln reichen Daches sollte beispielsweise erneuert werden. Das ging aus Denkmalschutzvorgaben hervor. Nur mangelte es während der Pandemie immer wieder an Schiefer. Materialengpässe verzögerten die Restaurierung des Daches.
Neben dem Engagement der Hausbewohnerinnen und -bewohner involvierte sich auch das Denkmalschutzamt der Stadt. So konnten einige der Restaurierungs-Maßnahmen über städtische Töpfe gefördert werden. Die Projektentwicklung für das Haus auf der Georg-Schwarz-Straße verantwortet Tobias Bernet für die SoWo. Er sagt; „Durch die exponierte Lage des Gebäudes war das Interesse der Stadt hoch, hier für eine umfangreiche Sanierung zu sorgen. Die entsprechenden Auflagen zu beachten, hat für einigen Aufwand gesorgt. Das Ergebnis konnte sich dann wirklich sehen lassen. Beispielsweise wurde eines der historischen Türmchen wiederaufgebaut, das vor Jahrzehnten verschwunden war.“
Bernet und Stellmacher finden, dass der Denkmalschutz und der Einsatz gegen Verdrängung und Gentrifizierung in einem ambivalenten Verhältnis zueinander stehen. Einerseits kritisieren sie, dass die Förderung denkmalgerechter Sanierungen über Sonderabschreibungen tendenziell eher Gutverdienenden zugutekommt. Andererseits sagt Bernet: „Extremformen der Gentrifizierung – also großflächiger Abriss und Neubau wie aus anderen Ländern bekannt – sind in den Leipziger Altbauvierteln ausgeschlossen. Und das liegt daran, dass ein großer Teil des Gebäudebestandes unter Denkmalschutz steht.“