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25.11.2021 denkmal

Nach der Flutkatastrophe 2021: Menschen und ihr kulturelles Gedächtnis in Not

Mitte Juli fielen in Teilen der am stärksten betroffenen Gebiete Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen innerhalb von 24 Stunden 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter auf einen bereits wassergesättigten Boden. Es sind erschreckende Zahlen, die die dahinterstehenden Schicksale der Menschen in den von der Flut betroffenen Gebieten dennoch kaum begreiflich machen können. Auch das kulturelle Erbe wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Schon bald nach der Flutkatastrophe erreichten die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) erste Berichte über geschädigte Baudenkmale – einige davon gerade erst instandgesetzt oder preisgekrönt.

Die Eigentümer der betroffenen denkmalgeschützten Bauten sind nun noch stärker auf solidarische Hilfe angewiesen. Aus diesem Grund hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ein Sonderkonto für von der Flut betroffene Baudenkmale eingerichtet und ruft zu Spenden auf. Parallel dazu startete sie umgehend ein Nothilfepaket für Betroffene, durch das schnell erste Hilfsmittel ausgezahlt werden können. Zusätzlich verfügt die DSD über eine Kontaktbörse von in der Denkmalpflege erfahrenen Architekten, Gutachtern, Restauratoren und Handwerksbetrieben. Darüber hinaus hat sie ihre Jugendbauhütten zum Einsatz gebracht. Teilnehmer und Fachanleiter übernehmen Lehmbau und Holzbauarbeiten quasi in offenen Werkstätten. Hier konnte sich bis Mitte November auch die Nachbarschaft zeigen lassen, wie Lehm- oder Holzbau funktioniert, was man auch selbst vor- bzw. nacharbeiten kann, um die Häuser wieder dicht zu bekommen. Die Jugendbauhüttler haben versprochen, im Frühjahr wiederzukommen!

Die Katastrophe und ihre Auswirkungen auf das Kulturerbe

„Glücklicherweise haben sich die Altbauten als widerstands- und reparaturfähig erwiesen. Fachwerkbauten sind sehr belastbar. Im oberen Bereich stehen viele der betroffenen Fachwerkbauten noch“, berichtet die Pressesprecherin und Leiterin der Abteilung Bewusstseinsbildung von der DSD Dr. Ursula Schirmer. „Daher werben wir von der DSD jetzt ganz vehement dafür, dass man in der ersten Verzweiflung nicht alles wegreißt, sondern genau betrachtet, was von den Gebäuden noch erhalten ist. Manchmal sind nur wenige abstützende Balken nötig und das Gebäude ist wieder sicher“, so Schirmer. Gleichzeitig werden durch die Flutkatastrophe an den historischen Gebäuden die Bausünden der Siebziger- und Achtzigerjahre deutlich: Wo Betonputze aufgebracht worden sind, leidet das Mauerwerk, Isoliermaterialien erschweren die Austrocknung.

Proaktiv sind die Mitarbeiter der unteren Denkmalschutzbehörden und der Abteilung Denkmalförderung der Stiftung durch die Straßen gewandert und haben an Türen geklopft, um die Betroffenen überhaupt erreichen zu können. „Wir bekamen die Informationen, welche Objekte unter Schutz stehen und dringend Förderung benötigen, von den Kollegen der unteren Denkmalschutzbehörden. Die Menschen sind gerührt, wenn jemand zu ihnen kommt und fragt, ob sie Hilfe brauchen. Vom ersten Tag an gab es die großen Hilfsaktionen, um zunächst einmal den ersten Unrat wegzuräumen. Das hat die Menschen dort überwältigt“, berichtet Schirmer.

Derzeit sind die Zahl der betroffenen Denkmale sowie die Summe der Schäden noch unklar. Die gute Nachricht ist jedoch, dass die historischen Bauwerke zu ihrer alten Schönheit zurückfinden können. Die Region lebt davon, dass sie für den Tourismus attraktiv ist. Allerdings benötigt der Aufbau Zeit. Es ist nun die Hauptsorge der Betroffenen, dass nach den Bildern, als das Wasser mit dem Unrat noch in den Straßen stand und die erste große Hilfswelle startete, das Interesse nachlässt. Ein Wiederaufbau ist jedoch ein langer Prozess, der weiterhin Unterstützung benötigt. Zudem ist es bedeutsam, über die Lehren nachzudenken, die man aus der Katastrophe ziehen kann: etwa welche Bautechniken belastbarer sind, wie Flächenversiegelung verringert werden und Freiflächen vorgehalten werden können, damit das Wasser an vorbereiteter Stelle durchlaufen kann.

Spannungsfeld Klima- und Denkmalschutz?

Die Folgen des Klimawandels stellen eine deutliche Gefahr auch für Bau- und Gartendenkmale dar. Nun soll überlegt werden, den Wiederaufbau nachhaltiger zu gestalten. Dies böte völlig neue Möglichkeiten, die selbstverständlich mit denkmalgeschützten Gebäuden konform gehen müssen und zeigen können, dass sich Klima- und Denkmalschutz nicht gegenseitig ausschließen.

Darauf weist auch die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger mit ihrer Initiative „Denkmalschutz ist Klimaschutz“ hin. „Durch ihre auf Erhalt, Reparatur, Weiternutzung und die Anwendung historischer Handwerkstechniken ausgerichtete Praxis leistet die Denkmalpflege seit jeher einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung zusätzlicher grauer Energie – der Energie, die für Abriss, Entsorgung und Neubau aufgewendet werden muss – und damit zur Reduktion von CO2. Denkmalpflege und Denkmalschutz können somit als Leitbilder eines allgemein bewahrenden Umgangs mit der gebauten Substanz gelten. Gemeinsam mit anderen bundesweit handelnden Organisationen und Partnern der Denkmalpflege engagiert sich die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger dafür, das Thema ‚Denkmalschutz ist aktiver Klimaschutz‘ als Teil des künftigen Regierungshandelns der nächsten Bundesregierung zu etablieren", betont Prof. Dr. Markus Harzenetter, Vorsitzender der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VDL) und Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen.

Die Methoden der Denkmalpflege, wie Erhaltung der Bausubstanz sowie schonende Reparatur mit oftmalig ökologischen Baustoffen passen demnach zum Gedanken der Nachhaltigkeit. Dabei muss mit Verstand an die historische Substanz und das Denkmal als Ressource herangegangen werden. Auch die kommunalen Verwaltungen sind hier gefragt mitzuziehen. Auf diese Weise kann sich der Wiederaufbau darüber hinaus auch als eine Art „Neubau“ mit neuer Grundorientierung gestalten. Dies sind bedeutende Fragestellungen, die dazu führen können, dass diese Region eine Vorbildregion wird – in einer klimaverträglicheren Bauweise. Auch auf der denkmal 2022 werden diese Themen eine tragende Rolle spielen.

Weitere Fotos

Bad Münstereifel, erste Arbeiten (Foto: DSD / Roland Rossner)
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