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Schiefer für historische Dächer – spielt die Herkunft eine Rolle?
Ein historisches Schieferdach instand zu setzen ist gar nicht so einfach. Der „originale“ Schiefer aus den Gruben von damals wird oftmals nicht mehr gefördert. Was tun? Die Reparatur des Bestands ist die eine Option. Die andere die der Neudeckung. Neuen Schiefer gibt es beispielsweise in Spanien. Wer baut den ab und vor allem – welche Rolle spielt seine Herkunft überhaupt? Und ist das bei Schiefer die entscheidende Frage?
Zwei Schiefergruben gibt es noch in Deutschland, Altlay im Hunsrück und Fredeburg im Hochsauerlandkreis. Das überrascht zunächst. Denn hört man Olga Arkhipkina vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg zu, gehört Schiefer in vielen Regionen Deutschlands zum kulturellen Erbe. In Thüringen, Franken oder im Rheinischen findet sich der Einfluss der benachbarten Schiefergruben an den Gebäuden. Und nicht nur dort, auch in Baden-Württemberg finden sich denkmalgeschützte Gebäude mit Schieferfassade. Ungewöhnlich, da dort doch nie Schiefer abgebaut wurde, der sich für Dachdeckung beziehungsweise Fassadenbekleidung geeignet hätte. Arkhipkina hat sich in verschiedenen Artikeln mit diesem Erbe auseinandergesetzt.
Woran liegt es also, dass der Schieferabbau in Deutschland so drastisch eingebrochen ist? Laut Rathscheck Schiefer – einem der größten Schieferproduzenten weltweit und Aussteller der denkmal – gibt es mehrere Gründe: schwierig zu erschließende Vorkommen und langwierige Behördenverfahren für neue Aufschlüsse bei gleichzeitig aufgebrauchten Ressourcen in bisherigen Abbaugebieten sind einige.
Was also tun, wenn beim Restaurieren Bedarf an neuem Schiefer entsteht, den zwei Gruben nicht decken können? Arkhipkina argumentiert, dass vorhandener Schiefer erhalten werden kann. Rostige Nägel könnten ersetzt, die Schieferplatten durch das sogenannte Nachstecken ausgewechselt werden. Dabei werden neue Decksteine verwendet oder auch historische, die bei Abbrüchen gesichert wurden. Eine Methode, die derzeit noch getestet wird, ist das Konservieren. Dabei werden die Platten in Epoxidharz – einem härtenden Kunststoff – getränkt und gewinnen so noch zusätzliche Jahre auf dem Dach.
Wirtschaftlich sinnvoll seien diese Maßnahmen in der Regel nicht, so Rathscheck. Rentabler sei in vielen Fällen die Sanierung des Bestands, da Schieferdächer eine lange Lebensdauer haben. Um neuzudecken, wird heute in der Regel Schiefer verwendet, der in Spanien gefördert wird, Schiefer, den die Tochterunternehmen von Rathscheck in eigenen Vorkommen vor Ort abbauen.
Herkunft zweitrangig, Qualität entscheidend
Die Rathscheck‘schen Tochterunternehmen liefern den Schiefer unter anderem nach Deutschland, wo er sich inzwischen auch an denkmalgeschützten Gebäuden wiederfindet. Im Gespräch mit Frank Rummel, Mitglied der Geschäftsleitung von Rathscheck, wird schnell deutlich, dass das Unternehmen die Bezeichnung „spanischer Schiefer“ ablehnt. Die geologischen Eigenschaften der jeweiligen Lagerstätte seien entscheidend und damit, wie sich der Schiefer mineralogisch zusammensetzt.
Rathscheck hat den Anspruch, mit einem eigens für die Altdeutsche Deckung produzierten Stein die Anforderungen des Denkmalschutzes zu erfüllen. Rummel berichtet: „Die Denkmalpflege fordert ein authentisches, historisches Stadtbild. Insbesondere die Altdeutsche Deckung erfüllt diesen Anspruch, aber auch nur dann, wenn sie nach den Fachregeln ausgeführt wird.“ Dafür seien klar definierte Steinformate erforderlich, da nur so sogenannte Verjüngungen ausgeführt werden können. Dabei werden mit zunehmender Dachhöhe Schiefersteine mit stetig abnehmenden Steinhöhen eingedeckt. „Diese Vielfalt müssen wir als Produzent sicherstellen. Das geht aber nicht mit allen Vorkommen“ sagt Rummel und begründet: „Die Spannweite von großen und kleinen Steinen ist nicht aus jedem Vorkommen herauszubringen. Mit eigenen für die Altdeutsche Deckung hochwertigen Vorkommen – die es in Spanien gibt – werden wir diesem Anspruch allerdings gerecht.“
Guter Schiefer will gut gedeckt sein!
Auch für Olga Arkhipkina ist die Altdeutsche Deckung mit ihren variierenden Steinhöhen und -breiten von besonderem, denkmalpflegerischem Wert. Historisch gesehen gab es bei der Altdeutschen Deckung keine einheitlichen Schablonen, berichtet sie. Jede Schieferdeckerin, jeder Schieferdecker bearbeitete jede Schieferplatte einzeln. So ist jedes Dach für sich genommen ein eigenes Kunstwerk. Heute ist das anders. Rathscheck hat den Produktionsprozess auch für den Schiefer der Altdeutschen Deckung automatisiert – eine Herausforderung angesichts dessen, dass viele verschiedene Variationen von Steinen berücksichtigt werden müssen. Frank Rummel erzählt, dass Rathscheck bei den Steinen für die Altdeutsche Deckung auf klar definierte Steinformate setzt. Kunst und Geschick müssen Schieferdecker aber auch heute noch mitbringen. Besonders bei Steinen für den Fuß, den First des Daches oder an Kehle oder Grat, also da, wo zwei Dachflächen aufeinandertreffen, müsse der Schiefer heute noch vor Ort bearbeitet werden.
Zur denkmal 2024 bekommt das Messe-Team das denkmal-Logo in Schiefer vom Aussteller Style Dach geschenkt. Welche Deckung da wohl verwendet wurde?, Bildnachweis: Leipziger Messe
Die eigentlich entscheidende Frage
Für Arkhipkina bedarf es schlussendlich der Abwägung zwischen Reparatur und Neudeckung. In jedem Fall müsse individuell entschieden werden. Sie sagt: „Historische Schiefer-Behänge zugunsten einer Neudeckung bei geringen Schäden zu entfernen, würde einen immensen Verlust originaler Bausubstanz gleichkommen. Der Wert einer historischen Dachdeckung - vor allem an einem denkmalgeschützten Gebäude - ist meist nicht nur unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit bewertbar!“ Und wenn dann doch neugedeckt wird? Durchaus gebe es zwischen einzelnen Schieferbrüchen Qualitätsunterschiede, meint auch sie. Wichtig ist es ihr, dass zum einen die Qualität des Schiefers stimmt und zum anderen die Deckung fachlich korrekt ausgeführt wird. Gerade bei der Neudeckung von Dächern mit historischer Altdeutscher Deckung besteht die Gefahr, dass auf Grund der Kosten auf eine reine Schablonendeckung ausgewichen wird. Wenn das geschieht, geht immer ein hoher Grad an Ästhetik wie auch Handwerkskunst verloren.
Fest steht: die Investitionskosten in qualitativ hochwertigen Schiefer sind anfangs hoch. Doch amortisieren sie sich. Eine ordentliche verlegte Schieferdeckung mit hochwertigen, rostfreien Nägeln könnte 100 Jahre überdauern. Viele andere Dachdeckungen schaffen lediglich die Hälfte dieser Lebensdauer.
Und es zeigt sich: genau diese Frage nach der Wirtschaftlichkeit von Reparatur oder Neudeckung scheint eine der ausschlaggebenden und kontrovers diskutierten zu sein, wenn es um Schiefer am Denkmal geht. Die Frage nach der Herkunft scheint ihr gegenüber dann doch eher nachrangig.