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25.08.2021 denkmal

Stiftung Kulturerbe Bayern: Menschen berühren und begeistern

Der Stiftung Kulturerbe Bayern wurde im Juli der Bürgerpreis 2021 des Bayerischen Landtags verliehen. Wir haben das zum Anlass genommen, im Rahmen unserer Reihe „Ehrenamtliches Engagement“ mit Geschäftsführer Bernhard Averbeck-Kellner zu sprechen – über die vielfältige Arbeit der Stiftung nach dem Vorbild des englischen National Trust, die in Obhut genommenen Baudenkmäler und die Tätigkeit als Treuhänderin für andere Stiftungen.

Redaktion: Was sind die Ziele und Aufgaben der Stiftung Kulturerbe Bayern?

Bernhard Averbeck-Kellner: Es ist ein beeindruckendes und in seiner Begeisterung ansteckendes Engagement: Volunteers pflegen Gärten und Häuser, betreuen als Aufsichtspersonen Ausstellungen und vermitteln in Führungen den historischen Wert von Schlössern, ehemaligen Wohnhäusern oder auch Pubs. Über 300 Objekte bewahrt der englische National Trust – mit über fünf Millionen Mitgliedern die weltweit größte Organisation im Bereich Kultur und Umweltschutz. Millionen von Besuchern erleben kulturelles Erbe so auf ganz besondere Art und Weise. Dieses Vorbild hatten die Initiatoren von Verein und Stiftung Kulturerbe Bayern vor Augen, als sie den „bayerischen National Trust“ gründeten, der erhaltenswerte historische Gebäude und Kulturlandschaftsteile in sein Eigentum übernimmt und instand setzt. Ganz nach dem großen britischen Vorbild sollen die Kulturgüter, ob gewachsen oder gebaut, mit lebendigen und tragfähigen Nutzungskonzepten dauerhaft erhalten und für kommende Generationen bewahrt werden.

Dabei fördert der 2015 gegründete Verein Kulturerbe Bayern e. V. das Engagement der Menschen für die Kulturschätze Bayerns, indem er sie zur Mitwirkung gewinnt – sei es als Mitglieder, Volunteers, Spender oder Stifter. Als zweites Standbein errichteten am 5. November 2018 acht Privatpersonen die Stiftung Kulturerbe Bayern. Zustiftungen sind jederzeit möglich und auch nötig, damit die Stiftung möglichst viele Kulturgüter erhalten kann. Inzwischen sind über 1.200 Menschen dem Verein Kulturerbe Bayern beigetreten. Außerdem unterstützen über 200 Volunteers – Ehrenamtliche, die sich bereit erklärt haben, ihre Fähigkeiten für Kulturerbe Bayern einzubringen – die Projekte der Initiative.

Redaktion: Die kürzliche Auszeichnung mit dem Bürgerpreis 2021 des Bayerischen Landtags ist eine tolle Würdigung der Rettung eines geschichtlich bedeutsamen Gasthauses in Bayern. Was konnte die Stiftung seit der Gründung 2018 mit ihrem gemeinnützigen Einsatz erreichen?

Bernhard Averbeck-Kellner: Mittlerweile hat die Stiftung Kulturerbe Bayern drei außergewöhnliche Baudenkmäler in ihre Obhut genommen, ein viertes soll noch in diesem Jahr hinzukommen. Der erste Schützling war das Baudenkmal Judengasse 10 in Rothenburg ob der Tauber. Aus 30 schützenswerten Baudenkmälern hatte Kulturerbe Bayern 2018 das Gebäude als Referenzobjekt ausgewählt. Seine herausragenden Ausstattungsmerkmale gaben für diese Wahl ebenso den Ausschlag wie die guten Aussichten auf bürgerschaftliches Engagement für die Erhaltung. Bereits vor Beginn der Voruntersuchungen war klar, dass es sich bei der Judengasse 10 um einen bedeutenden Zeugen der Rothenburger, fränkischen und bayerischen Geschichte handelt: Im Keller des über viele Jahre vernachlässigten Gebäudes befindet sich ein jüdisches Ritualbad. Die Forschungen ergaben, dass die Mikwe das erste Bauteil des spätmittelalterlichen Wohnhauses ist und diese spätestens im Jahr 1409 errichtet wurde. Es konnte belegt werden, dass die Mikwe das einzige in Deutschland bisher entdeckte Ritualbad darstellt, das sich zusammen mit dem dazugehörigen Haus aus dem beginnenden 15. Jahrhundert erhalten hat. Dies sowie weitere besondere historische Merkmale des Gebäudes führten dazu, dass die Judengasse 10 vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege als ein „Denkmal von nationaler Bedeutung“ ausgezeichnet wurde. Seit Herbst 2020 läuft nun die Instandsetzung des Gebäudes. Die Fertigstellung des 600 Jahre alten Hauses als einen neuen kulturellen Anlaufpunkt in der Altstadt Rothenburgs ist im Laufe des Jahres 2022 geplant.

Mit Schloss Erkersreuth in der Nähe von Selb gehört der Stiftung Kulturerbe Bayern seit dem Frühjahr 2020 ein einzigartiges Gesamtkunstwerk. Im Schloss überrascht jeder Raum, jeder Winkel aufs Neue. 1748 von der Adelsfamilie Lindenfels erbaut, ist Schloss Erkersreuth seit dem 19. Jahrhundert untrennbar mit einem der aufregendsten Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte verbunden: 1879 legte Philipp Rosenthal (1855-1937) hier mit einer Porzellanmalerei den Grundstein für das Unternehmen Rosenthal. Sein Sohn Philip (1916-2001) war eine der schillerndsten und zugleich faszinierendsten Unternehmerpersönlichkeiten und Politiker der Bundesrepublik. Der visionäre Kunstliebhaber gestaltete ab 1950 Schloss Erkersreuth nach seinen Vorstellungen um und schuf auf diese Weise ein einzigartiges Gesamtkunstwerk der Fantasie, das – so sein Motto – „das echt Neue mit dem echt Alten“ verband: Moderne Porzellanskulpturen oder Vasen von internationalen Top-Künstlern seiner Zeit wie Henry Moore oder Cédric Ragot treffen hier auf oberfränkischen Barock – eine Mischung, die bis heute fasziniert. Mit seiner Verbindung von alter Architektur und moderner Ausstattung handelt es sich dabei um einen nur wenig bekannten, aber bedeutungsvollen Teil des kulturellen Erbes Bayerns. Dem Geist Philip Rosenthals folgend soll Schloss Erkersreuth wieder ein Ort der Begegnung werden. An dem künftigen Nutzungskonzept arbeiten wir gerade. Geplant ist, mit den auch für dieses Objekt dringend notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen 2023 zu beginnen. Aber wir bieten auch jetzt Veranstaltungen und Führungen an (seitdem dies aus bekannten Gründen wieder möglich ist), um das Schloss für die Menschen zu öffnen.

Unser jüngster Schützling ist der Berggasthof Streichen im Bergsteigerdorf Schleching. Seit Generationen ist der Berggasthof mit der Streichenkirche ein Sehnsuchtsort – für Pilger, Bergwanderer, Ausflugsgäste und Kunstfreunde. Das Streichenanwesen gilt als Wahrzeichen Schlechings und des gesamten Achentals. Erst vor wenigen Wochen hat Kulturerbe Bayern das traditionsreiche Gasthaus gemeinsam mit der Yvonne & Thomas Wilde Familienstiftung gekauft. Für dessen Erhalt als Gasthof haben sich viele Menschen in der Initiative „Streichenfreunde“ stark gemacht. Diese wird künftig als erste Ortsgruppe von Kulturerbe Bayern weiter aktiv sein, damit der Gasthof für die Menschen als Kultur- und Naturort erlebbar bleibt.

Redaktion: Kulturerbe Bayern ist darüber hinaus als Treuhänderin für andere Stiftungen tätig. Wie muss man sich das vorstellen?

Bernhard Averbeck-Kellner: Stifterpersönlichkeiten, die einen ganz bestimmten Zweck oder ein einzelnes bayerisches Kulturgut dauerhaft gefördert wissen wollen, können unter dem Dach von Kulturerbe Bayern eine unselbständige Stiftung gründen und mit Vermögen für den guten Zweck ausstatten. Kulturerbe Bayern kümmert sich um die organisatorischen Aufgaben und setzt mit den Erträgen aus dem Vermögen laufend und dauerhaft den vom Stifter festgesetzten Willen um. Überdies pflegt der Verein Kulturerbe Bayern Partnerschaften mit Vereinen, die ähnliche Ziele wie wir verfolgen. So engagiert sich Kulturerbe Bayern zum Beispiel zusammen mit dem Jurahausverein für den Erhalt eines einzigartigen Jurahaus-Ensembles in Mörnsheim, Landkreis Eichstätt. In der Öffentlichkeitsarbeit arbeiten beide Organisationen für dieses Projekt zusammen und Kulturerbe Bayern unterstützt zudem mit Volunteering-Aktionen die ehrenamtliche Arbeit des Jurahausvereins.

Redaktion: Wo sehen Sie die größten künftigen Herausforderungen hinsichtlich der ehrenamtlichen Arbeit der Stiftung?

Bernhard Averbeck-Kellner: Die größte Herausforderung liegt darin, die Menschen zu berühren und zu begeistern: Wir möchten Erlebnisse schaffen, die spüren lassen, dass wir gemeinschaftlich viel bewegen können. Kulturerbe Bayern ist eine Initiative zum Mitmachen.

Redaktion: Ganz allgemein gefragt: Warum ist insbesondere das Ehrenamt in Hinblick auf die Erhaltung und Bewahrung historischer Bauwerke so wichtig für das Gemeinwesen?

Bernhard Averbeck-Kellner: Wer schützenswerten Objekten eine Zukunft geben möchte, braucht die Unterstützung der Menschen. Wenn sich die Menschen mit dem Ort verbunden fühlen, werden sie aktiv, helfen mit, packen mit an. Und genau dieses Engagement ist wichtig, damit wir da aktiv werden können, wenn andere gesellschaftliche Kräfte dazu nicht in der Lage sind.

Weitere Impressionen

Schloss Erkersreuth (Alexander Stöhr)
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