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Technologien anwenden? Wie Benediktbeuern Forschung in die Praxis bringt
Wie lassen sich historische Gebäude energetisch verbessern, ohne ihren baukulturellen Wert zu gefährden? Welche Möglichkeiten bieten digitale Technologien und Künstliche Intelligenz? Und wie gelangt neues Wissen wirksam in die Praxis der Denkmalpflege? Darüber sprechen Volker Schweizer und Claudia Neuwald-Burg vom Fraunhofer-Informationszentrum Raum und Bau IRB. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP betreibt das IRB das Fraunhofer-Zentrum für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege in Benediktbeuern. Das IRB entwickelt dort Formate, mit denen Fachwissen vermittelt, Kompetenzen aufgebaut und neue Lerntechnologien erprobt werden. Zur denkmal 2026 bringen die Partner den Lernort Benediktbeuern virtuell nach Leipzig.
Frau Neuwald-Burg, Herr Schweizer, was haben das Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP und das Fraunhofer-Informationszentrum Raum und Bau IRB mit der Denkmalpflege zu tun?
Volker Schweizer: Beide Institute beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Erhalt historischer Gebäude. Im Fraunhofer-Zentrum für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege verbinden sie bauphysikalische Forschung, praktische Demonstration und Wissenstransfer. Das IBP untersucht die technischen und bauphysikalischen Fragen, während das IRB wissenschaftliche Erkenntnisse zielgruppengerecht aufbereitet und durch Publikationen, Weiterbildungen und digitale Lernangebote in die Praxis überträgt.
Claudia Neuwald-Burg: Das Fraunhofer-Zentrum befindet sich in der Alten Schäfflerei, einem Nebengebäude der historischen Klosteranlage Benediktbeuern, das früher als Fassmacherwerkstatt diente. Das Gebäude ist ein idealer realer Lernort, an dem sich komplexe Fragestellungen der Altbausanierung und Denkmalpflege konkret vermitteln lassen. Das IRB entwickelt dafür Präsenz- und Online-Weiterbildungen, digitale Selbstlernangebote sowie virtuelle Lernumgebungen. So gelangen Forschungsergebnisse auf kurzem Weg in die Praxis.
Nun sollen historische Gebäude ja möglichst originalgetreu erhalten bleiben, gleichzeitig muss beim Bauen im Bestand heute immer mehr bedacht werden – etwa wenn es um den Energieverbrauch, das Raumklima oder die Nutzung geht. Wo liegen dabei die größten Herausforderungen?
Claudia Neuwald-Burg: Historische Gebäude lassen sich nicht mit Standardlösungen behandeln. Maßnahmen müssen auf den jeweiligen Bestand abgestimmt und ihre Folgen für die historische Substanz sorgfältig geprüft werden. Aus Sicht des IRB kommt eine zweite Herausforderung hinzu: Das dafür benötigte Wissen ist über viele Quellen und Fachgebiete verteilt. Es muss auffindbar, verständlich aufbereitet und mit den konkreten Aufgaben der Praxis verknüpft werden. Daran arbeiten wir mit unseren Fachinformations- und Qualifizierungsangeboten.
Gibt es ein Forschungsergebnis, ein Projekt oder eine Entwicklung, bei der Sie selbst sagen würden: Hier zeigt sich besonders deutlich, welchen Unterschied Forschung für den Erhalt historischer Bausubstanz machen kann?
Claudia Neuwald-Burg: Ein besonders anschauliches Beispiel ist unser Weiterbildungsprogramm QualiBene zur nachhaltigen Instandsetzung historischer Bausubstanz. Es verbindet digitale Selbstlernphasen und Online-Austausch mit praktischer Arbeit am Gebäude. Ein interaktives 3D-Gebäudemodell unterstützt das Lernen an konkreten Befunden und Inhalten. Die Teilnehmenden erwerben dadurch nicht nur Einzelwissen, sondern lernen, komplexe Bestandsgebäude systematisch zu beurteilen, Wechselwirkungen zu erkennen und fachübergreifend tragfähige Lösungen zu entwickeln. QualiBene zeigt damit, welchen Unterschied Transferforschung machen kann: Vorhandenes Fachwissen wird nicht nur bereitgestellt, sondern so aufbereitet, erprobt und vermittelt, dass daraus berufliche Handlungskompetenz entsteht. Das ist gerade bei historischen Gebäuden wichtig, weil einzelne Maßnahmen selten isoliert betrachtet werden können. Eingriffe in Gebäudehülle, Raumklima oder technische Ausstattung beeinflussen einander. An Themen wie Heizsystemen lässt sich besonders gut zeigen, wie komplex solche Zusammenhänge sind – und wie wichtig es ist, sie für die Fachpraxis verständlich zu machen.
Vor-Ort-Termin am Kloster Benediktbeuren, Bildnachweis: Fraunhofer-Zentrum für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege
Da Sie das Thema Heizungssysteme ansprachen – was erforschen Sie da konkret?
Claudia Neuwald-Burg: Die Forschung an Heizsystemen selbst ist nicht Aufgabe des IRB. Uns interessiert, wie das dazu vorhandene Fachwissen vermittelt werden kann. Heizsysteme eignen sich besonders gut als Lernbeispiel, weil ihre Auswirkungen von vielen Faktoren abhängen und im fertigen Gebäude kaum sichtbar sind. Am Fraunhofer-Zentrum Benediktbeuern entwickeln wir fallbezogene Aufgaben, digitale Gebäudemodelle und immersive 3D-Darstellungen. Damit können Fachleute unterschiedliche Lösungen vergleichen und die Erkenntnisse auf eigene Projekte übertragen.
Herr Schweizer, wo sehen Sie, dass Ihre Forschung Wirkung zeigt?
Volker Schweizer: In der Baubranche fehlt es nicht nur an Erkenntnissen, sondern häufig auch an geeigneten Wegen in die Anwendung. Wissen ist über viele Quellen verteilt, erreicht nicht alle Zielgruppen oder lässt sich nur schwer auf eine konkrete Aufgabe übertragen. Genau hier setzt das IRB an. Wir bereiten Fachwissen zielgruppengerecht auf, machen es über Publikationen und digitale Angebote zugänglich und entwickeln Qualifizierungsformate, die neue Erkenntnisse mit praktischen Entscheidungssituationen verbinden. Wirkung zeigt unsere Arbeit dann, wenn Fachleute Wissen nicht nur finden, sondern sicher beurteilen und auf ihren eigenen Arbeitskontext übertragen können.
KI und Digitalisierung verändern derzeit viele Branchen, so auch zahlreiche Bereiche der Denkmalpflege. Wie wird sich das aus Ihrer Sicht auf die Arbeit mit historischen Gebäuden auswirken?
Volker Schweizer: Für das IRB ist besonders interessant, wie KI heterogene Informationsbestände für Lern- und Transferzwecke erschließen kann. Historische Gebäude sind in Planungsunterlagen, Bauzeichnungen, Fotografien, Scans und Texten dokumentiert. KI kann dabei unterstützen, solche Quellen zu strukturieren und daraus interaktive Lernobjekte zu entwickeln. In immersiven 3D-Umgebungen lassen sich beispielsweise Bauteilschichten und komplexe Zusammenhänge räumlich darstellen. Damit solche Anwendungen verlässlich sind, müssen die verwendeten Daten, die fachlichen Aussagen und die didaktische Gestaltung sorgfältig geprüft werden. Eine virtuelle Umgebung braucht klare Lernziele und muss den Transfer auf reale Aufgaben ermöglichen. KI kann den Wissenstransfer unterstützen; sie ersetzt weder die Untersuchung am Gebäude noch das Urteil qualifizierter Fachleute.
Claudia Neuwald-Burg: Für uns als IRB ist entscheidend, wie Fachleute KI-Technologien souverän in ihre tägliche Praxis integrieren können. Lernangebote müssen deshalb nicht nur die Bedienung eines Werkzeugs vermitteln, sondern auch zeigen, auf welchen Daten Ergebnisse beruhen, welche Unsicherheiten bestehen und wann fachliche Kontrolle erforderlich ist.
Wie wird Fraunhofer bei der denkmal 2026 in Leipzig auftreten?
Claudia Neuwald-Burg: Wir bringen den Lernort Benediktbeuern virtuell nach Leipzig. Besucherinnen und Besucher können die Alte Schäfflerei digital erkunden und erleben, wie ein historisches Gebäude zur Lernumgebung wird. Dabei zeigen wir, wie virtuelle Modelle Fachwissen anschaulich machen, verborgene Bauteilschichten sichtbar werden lassen und den Austausch zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen unterstützen können.
Volker Schweizer: 2026 stellen wir das Zentrum in Benediktbeuern bewusst in den Mittelpunkt, weil es für das Zusammenspiel von Wissenstransfer, Demonstration und Qualifizierung steht. Neben dem virtuellen Rundgang zeigen wir ausgewählte Materialien und Demonstratoren. Gemeinsam mit Partnern aus Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege schaffen wir außerdem Raum für den fachlichen Austausch. So wird unser Messeauftritt selbst zu einem Ort des Lernens und Vernetzens. Wir möchten unsere Ansätze praktisch erlebbar machen und mit den Besucherinnen und Besuchern darüber sprechen, welchen Bedarf sie bei Weiterbildung und Wissenstransfer sehen. Diese Rückmeldungen sind für unsere Forschung wichtig, weil gute Transferangebote nur entstehen, wenn sie an reale Anforderungen anknüpfen.
Was erwarten oder erhoffen Sie sich von der Messe?
Volker Schweizer: Die denkmal bringt Fachleute aus Denkmalpflege, Planung, Handwerk, Forschung und Bildung zusammen. Wir möchten unsere Ansätze zum Wissenstransfer vorstellen, Rückmeldungen aus der Praxis aufnehmen und neue Partner für Forschungs- und Entwicklungsprojekte gewinnen. Besonders interessiert uns, welche Kompetenzen künftig benötigt werden und wie Weiterbildung so gestaltet werden kann, dass sie trotz knapper Zeit und unterschiedlicher Vorkenntnisse zugänglich und wirksam bleibt.
Welche offene Frage zur Denkmalpflege hätten Sie bis zur denkmal 2028 gern geklärt?
Volker Schweizer: Eine zentrale offene Frage ist für mich, wie wir den Wissenstransfer für den Erhalt des Kulturerbes dauerhaft absichern. Fachwissen wächst, zugleich fehlen in vielen Bereichen Zeit, Personal und geeignete Weiterbildungsstrukturen. Wir müssen deshalb klären, wie aktuelle Erkenntnisse schneller in Ausbildung, Weiterbildung und tägliche Praxis gelangen und wie digitale Angebote sinnvoll mit Austausch und praktischer Erfahrung verbunden werden können. Dazu gehört auch eine verlässliche Finanzierung. Kulturerbe ist kein verzichtbarer Kostenfaktor, sondern prägt unsere Identität, unsere Städte und nicht zuletzt die lokale Wirtschaft.
Claudia Neuwald-Burg: Mir ist wichtig, dass Denkmalschutz und die Interessen der Eigentümerinnen und Eigentümer nicht als Gegensatz, sondern als gemeinsam lösbare Aufgabe verstanden werden. Gute Lösungen entstehen, wenn Beratung früh beginnt und Denkmalpflege, Planung, Handwerk und Eigentümerschaft auf einer gemeinsamen Wissensgrundlage zusammenarbeiten. Dafür braucht es ausreichende personelle Kapazitäten in den Behörden, aber auch gut zugängliche Fachinformationen und geeignete Lern- und Austauschformate. Genau dort kann das IRB einen Beitrag leisten.