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22.06.2026 denkmal

Zwischen Tradition und Forschung

KEIMFARBEN begleitet die Denkmalpflege seit fast 150 Jahren. Im Interview spricht Geschäfts-führer Rüdiger Lugert.

Welche Entwicklungen in der Branche haben Sie in dieser Zeit ganz besonders geprägt?

Verkürzt gesagt hat sich die Denkmalpflege in den letzten 150 Jahren von der „stilreinen“ Wieder-herstellung des ursprünglichen Zustandes von Bauwerken zu einer immer mehr wertorientierten Erhaltung des überlieferten Bestands entwickelt. Im Laufe der Jahrzehnte rückte neben dem Schutz von Einzeldenkmälern die Erhaltung ganzer städtebaulicher Ensembles in den Fokus und zunehmend auch Alltagsarchitektur und Industrieanlagen. Eines der aktuellen Themen ist auch in der Denkmalpflege die Nachhaltigkeit. Der Erhalt bestehender Bausubstanz ist eine besonders wichtige Form nachhaltigen Handelns.

Unsere Unternehmensgeschichte und die Produktentwicklungen spiegeln diese Etappen wider. Vor 150 Jahren entwickelte unser Firmengründer Adolf W. Keim die Silikattechnik. Sein Bestreben war es schon damals „die Schöpfungen der Künstler in unveränderlicher Pracht und Schönheit den kommenden Generationen … überliefern zu können.“ Seitdem entwickelt und produziert KEIMFARBEN ausschließlich mineralische Produkte und Systeme, die die Architekturgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts begleiten und in besonderem Maße auch die Entwicklung der Denkmalpflege. Stets unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit, lange bevor dieser Begriff so populär wurde. Folgerichtig war deshalb 2022 der Schritt vom linearen zum zirkulären Handeln: 80 KEIM-Produkte sind ausgezeichnet mit der Cradle to Cradle Certified®-Zertifizierung in Silber und dem C2C Material Health Certificate™ der Stufe Gold. Das sind 85 % unseres Produktportfolios. 2025 wurden wir Gewinner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises in der Kategorie Anstriche und Far-ben.

Warum werden mineralische Farben für den Einsatz an denkmalgeschützter Bausubstanz überhaupt benötigt?

Maßnahmen der Denkmalpflege stehen oft im Spannungsfeld zwischen einer möglichst original-getreuen Rekonstruktion unter Einsatz von historischen Materialien und dem technisch Machba-ren. Dies gilt nicht selten auch für die Wahl eines geeigneten Putz- und Anstrichsystems. Die Ma-terialien, die bei der Restaurierung und Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden zum Ein-satz kommen, müssen höchsten Qualitätsansprüchen an Schutz und Ästhetik gerecht werden. Silikatfarben von KEIM enthalten ausschließlich hochwertige mineralische Inhaltsstoffe: lichtech-te, anorganische Pigmente, ausgesuchte Materialien als Füllstoffe und mineralische Bindemittel wie Wasserglas oder Sol-Silikat. Das Bindemittel Wasserglas ist witterungsbeständig, und schließt im Gegensatz zu Dispersionen die anorganischen Pigmente nicht in einen Film ein, son-dern lässt die Lichtstrahlen direkt auf das Pigment treffen. Die Farbtöne leuchten aus der samt-matten Oberfläche und zeigen eine erstaunliche, dauerhafte Tiefe und hohe Brillanz. Durch das Prinzip der Verkieselung der Mineralfarbe mit dem Anstrichträger entsteht eine feste, unlösbare Verbindung, die für eine hohe Dauerhaftigkeit und einen deutlich längeren Lebenszyklus der Be-schichtung sorgt. Historisch bedeutende Objekte wie das Rathaus Schwyz mit dem KEIM-Originalanstrich von 1891 oder die Wohn- und Geschäftshäuser in Stein am Rhein belegen dies eindrucksvoll. Aus all diesen Gründen zählen die mineralischen Farben von KEIM bei Denkmal-pflegern und Restauratoren zum bevorzugten Repertoire.

Welche Herausforderungen begegnen Restauratoren und Planern heute bei Fassaden- und Oberflächeninstandsetzungen häufiger als noch vor zehn oder zwanzig Jahren?

Die Auswirkungen des Klimawandels sind immer mehr zu spüren. Durch sich verändernde Tem-peraturen und Feuchteeinflüsse gibt es einen stärkeren Befall durch Mikroorganismen. Längere Hitze- und Trockenphasen führen zu Spannungen und Schwindrissen. Planer müssen sich bei Sanierungen mit Themen wie Energieeffizienz und bauphysikalischen Anforderungen beschäfti-gen. Und wie in vielen Bereichen nehmen die Dokumentationspflichten zu. All das verstärkt den Zeit- und Kostendruck. Gleichzeitig wird die finanzielle Unterstützung in bestimmten Bereichen stark zurückgefahren. Die Probleme sind nicht völlig neu, werden aber komplexer und treten häu-figer und leider oft in ungünstiger Kombination auf.

Welches Projekt ist Ihnen in besonderer Erinnerung?

Die Befreiungshalle Kelheim, Mitte des 19. Jahrhunderts im Auftrag König Ludwigs I. errichtet. Bei späteren Instandsetzungsmaßnahmen wurden große Veränderungen an der Fassade vorgenom-men. Im Rahmen einer umfassenden Fassadensanierung im Jahr 2015 war daher das Ziel, die ursprüngliche Farb- und Oberflächengestaltung auf Grundlage restauratorischer Befunde wie-derherzustellen. Untersuchungen unter Beteiligung des Bayerischen Landesamts für Denkmal-pflege legten die originale Farbfassung frei. Demnach waren auf einem hellen Grundton differen-ziert abgetönte ockergelbliche, hellrosafarbene, rötliche und grünliche Quaderflächen angelegt.

Vor der Neufassung der rund 5.000 qm großen Fassadenfläche wurden geschädigte Schichten instandgesetzt und witterungsbedingte Schäden der zurückliegenden Jahrzehnte behoben. Dazu gehörten das Schließen von Rissen, die Festigung beziehungsweise Erneuerung loser Putzpartien sowie die Abnahme nicht tragfähiger Farbschichten zur Sicherung eines geeigneten Untergrunds. Die abschließende Neufassung erfolgte mit mineralischen Produkten von KEIM, vorwiegend mit KEIM Purkristalat. Um der historischen Erscheinung möglichst nahe zu kommen, wurden die Quaderflächen von Hand mit dem Pinsel bearbeitet. So bleibt die differenzierte Farbigkeit aus der Nähe ablesbar, während sich aus der Distanz ein geschlossener Gesamteindruck ergibt. Die Maßnahme diente sowohl der denkmalgerechten Annäherung an die ursprüngliche Fassung als auch dem langfristigen Schutz der historischen Bausubstanz – zuverlässig und dauerhaft für die nächsten 50 Jahre.

Restauration der Befreiungshalle Kelheim. Verwendung von KEIM Purkristalat um der historischen Erscheinung möglichst nahe zu kommen (Foto: KEIMFARBEN)

KEIMFARBEN ist seit vielen Jahren auf der denkmal vertreten. Was lässt Sie immer wieder zu uns kommen?

Die Denkmalpflege ist historisch sehr eng mit unserer Identität verbunden, dort liegen unsere Wurzeln. Deshalb schätzt KEIM die „denkmal“ als wichtigste europäische Informations- und Ge-schäftsplattform für alle, die am Erhalt des Kulturerbes beteiligt sind. Wir freuen uns auf die denkmal im November. Besucher sind schon jetzt herzlich eingeladen, sich über Neuheiten und Vorteile mineralischer KEIM-Produktsysteme zu informieren.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Wie wird die Denkmalpflege im Jahr 2040 aus-sehen – und welche Rolle werden Materialien und Oberflächen dabei spielen?

Zwei der bereits genannten Themen werden aus unserer Sicht an Relevanz zu nehmen: der Kli-mawandel und damit eng verbunden nachhaltiges Bauen und Sanieren. Damit steigt auch die Bedeutung mineralischer Materialien, weil sie nicht nur ästhetischen und denkmalpflegerischen Anforderungen gerecht werden, sondern – wie eingangs beschrieben – auch resilienter gegenüber hygrothermischen Beanspruchungen sind. Diffusionsoffene und kapillaraktive Oberflächenauf-bauten tragen dazu bei, eingetragene Feuchte wieder abzuführen und das Schadensrisiko im Wandquerschnitt zu reduzieren. Das betrifft nicht nur Außenputz- und Farbsysteme, sondern auch Sockelbereiche oder schimmelpräventive Innenraumsysteme.

Auch Nachhaltigkeit wird die Bedeutung mineralischer Produkte verstärken. Entscheidend bei der Materialauswahl ist nicht deren kurzfristige technische Performance, sondern ihre langfristige ökologische und auch soziale Bilanz wie z.B. eine geringe Schadstoffbelastung, Reparaturfähig-keit, hohe Lebensdauer und Rohstofftransparenz. Besonders relevant wird für den Denkmalbe-reich eine „kumulative“ Reparaturfähigkeit sein – d.h. keine vollständige Entfernung bei der Über-arbeitung, sondern die Möglichkeit einer partiellen Instandsetzung.

Unser Wunsch und Anspruch für die Zukunft ist es, dass historische Bausubstanz immer weniger als beliebig modernisierbare Hülle gesehen wird, sondern als Bauwerk, dessen Erhalt nur über ein tiefes Verständnis seiner stofflichen und konstruktiven Logik gelingen kann und dass darauf die Wahl der Materialien basiert.

Christuskirche Luenen - Denkmalpflege mit KEIMFARBEN
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