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30.09.2026 denkmal

Ausgegraben – und dann?

Von der Voruntersuchung bis zur Vermittlung durchläuft ein archäologischer Fund viele Stationen. Im neuen Ausstellungsbereich Archäologie der denkmal werden sie sichtbar. Im Gespräch mit Svenja Partheil, Präsidentin von CIfA Deutschland, und Christoph Genzel, Bodenkundler vom Podcast „Soilcast“, wird klar, was die Besucherinnen und Besucher erwartet. In diesem Artikel erzählen die beiden, warum ein Fund fachlich gesichert und dennoch gesellschaftlich verloren gehen kann, wie dieses Problem gelöst werden kann und – wie der Boden sogar zum Klingen gebracht wird.

Ein Boden kann viel erzählen: von früheren Landschaften und Klimabedingungen, von Vegetation und menschlicher Landnutzung, von Siedlungen, Schlachten oder Truppenbewegungen. Für Christoph Genzel ist deshalb klar, was Bodenwissenschaft und Archäologie verbindet: „Böden erhalten landschaftliche Geschichte, seien es Informationen über Vegetation und Klimabedingungen vergangener Jahrhunderte, oder eben überkulturelles Erbe.“ Genzel spricht von der Archivfunktion, die Böden neben ihren physikalischen und chemischen Funktionen aufweisen. Mit dem Podcast „Soilcast“ schaffen er und sein Team Aufmerksamkeit für den Facettenreichtum des Bodens und seine vielseitigen Nutzungsformen.

Bevor der erste Spaten sticht

Doch wie wird aus einer Fläche ein archäologischer Fundort? „Am Anfang steht die Voruntersuchung“, erklärt Svenja Partheil, Präsidentin von CIfA Deutschland. Vorhandene Daten werden ausgewertet und durch eigene Untersuchungen ergänzt, etwa durch Geophysik oder die Analyse von Luftbildern. Daraus entstehen Gutachten zur archäologischen Relevanz einer Fläche.

Soll dort gebaut werden, folgt die Ausgrabung. Das Bodendenkmal wird kontrolliert abgebaut und vollständig dokumentiert. Dieser Schritt ist heikel, denn unumkehrbar: „Was nicht dokumentiert ist, ist verloren“, sagt Partheil. Die geborgenen Funde werden inventarisiert und erstversorgt. Das kann vom Waschen der Keramikscherben bis zum Einschweißen empfindlicher Metallfunde mit Sauerstoffabsorbern reichen. Parallel entsteht die Grabungsdokumentation, mit der sämtliche Befunde im Boden beschrieben werden, die nicht entnommen werden können. Dazu zählen beispielsweise ganze Mauern oder Gruben. Anschließend werden die entnommenen Funde und angefertigten Unterlagen an das Denkmalamt übergeben.

Damit endet das reguläre Verfahren. Nun kann die Publikation erfolgen, mit der die Ergebnisse einem größeren Publikum zugänglich werden.

Fachlich gesichert, gesellschaftlich verschenkt

An dieser Stelle steht jedoch ein großes Aber: „Ehrlicherweise erreichen viele Funde diese Stufe der Vermittlung nie.“ sagt Partheil. Sie werden zwar dokumentiert und eingelagert; restauriert, publiziert oder vermittelt werden sie aber selten. Ob diese zusätzlichen Schritte stattfinden, hängt davon ab, ob sie beauftragt und finanziert werden oder ob bei Landesämtern oder -museen Interesse besteht, sich dem Fund in den eigenen Restaurierungsabteilungen zu widmen.

Partheil sieht darin eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre. Wenn auf einer untersuchten Fläche später ein Supermarkt oder eben eine Energietrasse entsteht, sollten die Menschen dort erfahren können, was an dieser Stelle zuvor war. Informationstafeln, Beiträge in der Gemeinde, Repliken für Schulen oder digitale Formate können die Ergebnisse an den Fundort zurückbringen.

„Ein Fund, der im Magazin endet und von dem niemand vor Ort je erfährt, ist fachlich gesichert, gesellschaftlich aber verschenkt“, sagt Partheil. Archäologie werde im Bauprozess häufig nur als Kostenfaktor wahrgenommen. Sichtbare Ergebnisse könnten dagegen zeigen, dass dieses Geld gut investiert war – und den Menschen ein Stück Geschichte ihres eigenen Ortes zurückgeben.

Bildnachweis: Büro für Archäologie Neupert, Kozik & Simm GbR_Markus Hirnich

Archäologie entlang der gesamten Fundgeschichte

Fast jede Station dieser „Fundbiografie“ findet sich laut Partheil im neuen Ausstellungsbereich der denkmal wieder: von Voruntersuchung und Grabung über Vermessung, digitale Erfassung und anthropologische Auswertung bis zu Restaurierung, Publikation und Vermittlung.

Wie diese Schritte ineinandergreifen, zeigt beispielsweise die SPAU GmbH, die von der Voruntersuchung bis zur Vermittlung in allen Bereichen tätig ist und diese präsentieren wird. Zudem werden eine Archäozoologin, eine Archäobotanikerin und eine Anthropologin ihre Arbeit präsentieren. Bei MICROBOX zeigen sie wiederum, wie hochauflösende 3D-Scans entstehen. Die Voruntersuchung wird durch das Büro für Bodenkunde und Geoarchäologie sowie die OKM GmbH mit ihren Detektoren abgedeckt. Die Ausgrabung ist durch eine ganze Reihe von Fachfirmen aus Deutschland vertreten. Mit Rubicon Archäologie ist auch eine Firma mit Hauptsitz in Irland dabei, die ihre dortigen Erfahrungen einbringt. Für die osteoarchäologische Auswertung ist Chiara Girotto mit AnthroLab dabei, die Skelettanalysen durchführen. Für die Publikation stehen der Verlag Beier & Beran und die DGUF. Und bei der Vermittlung ist es nicht zuletzt der Soilcast, der sich zur denkmal intensiv dem Thema Archäologie widmen wird.

Wenn Boden hörbar wird

Denn die Frage, wie sich komplexes Wissen zugänglich erzählen lässt, beschäftigt den Soilcast. Das Team versucht, wissenschaftliche Methoden möglichst niedrigschwellig zu erklären und immer wieder die Frage zu beantworten, was es bringt, Böden zu untersuchen. Gerade angesichts wachsender Wissenschaftsfeindlichkeit hält Genzel diese Vermittlung für wichtig.

Dabei beginnt Wissenschaftskommunikation für ihn nicht mit dem Erklären, sondern mit dem Zuhören. Sorgen und Bedenken – beispielsweise, wenn es zu konkreten Nutzungskonflikten kommt, wie etwa mit Landwirten – müsse man ernst nehmen. Genzel will verstehen, wie ein Standpunkt entstanden ist. Erst wenn sich das Gegenüber gehört fühle, könne ein Gespräch darüber entstehen, wie beide Seiten einander unterstützen und gemeinsam vorankommen können.

Mit dem Soilcast soll bei einem breiten Publikum die Aufmerksamkeit für die vielfältigen Funktionen des Bodens geschaffen werden. Bildnachweis: Soilcast, Christoph Genzel

Das gilt auch für den Ausbau der Energienetze, dem Projekt, dass die Archäologie überhaupt erst auf die denkmal geführt hat. Bis zu 20.000 Kilometern an Energienetzen und Leitungen werden bis 2048 unterirdisch vom windreichen Norden Deutschlands in den industriestarken Süden verlegt. Damit die erheblichen Eingriffe in den Boden verantwortungsvoll erfolgen, müssen Flächenverbrauch und der mögliche Verlust geschützter Bodenfunktionen im Vorfeld bilanziert werden. Eingriffe sollen andernorts ausgeglichen werden, etwa indem versiegelte Flächen entsiegelt und der natürlichen Bodenbildung zurückgegeben werden. Archäologische Verdachtsstellen müssen untersucht und Befunde sorgfältig dokumentiert werden. So lassen sich Netzausbau, Bodenschutz und Archäologie für Genzel miteinander vereinbaren.

Genzel sieht hier noch Luft nach Oben, wenn es darum geht, mit der Öffentlichkeit zu diesem riesigen Projekt zu kommunizieren. Es eine frühzeitige, verständliche Kommunikation, meint er. Menschen müssten ausreichend Zeit erhalten, sich mit einem Vorhaben auseinanderzusetzen, und gezielt angesprochen werden. Gute Online-Angebote könnten dabei helfen.

Was auch helfen kann, ist natürlich ein Messeauftritt. Was plant denn das Soilcast-Team auf der denkmal an Aufnahmen? Nicht alles ist bisher geplant, aber in jedem Fall sollen Stimmen verschiedener Berufsgruppen gesammelt werden. Welche Perspektive haben sie auf Böden, und welche Rolle spielen diese in ihrem Arbeitsumfeld? Der genaue Plan ist noch offen. Mitbringen will das Team aber eine Offline-Version seiner SoundMap. Besucherinnen und Besucher können damit hören, wie Böden klingen. Neben dem öffentlichkeitswirksamen Effekt hat eine solche akustische Untersuchung von Böden auch einen ganz fachlichen Nutzen. Denn so kann laut Genzel die Qualität des Bodenlebens eingeschätzt werden.

Von der denkmal erhofft er sich Austausch, neue Impulse und Kontakte – und damit Stoff für weitere Folgen. Bei so vielen unterschiedlichen Perspektiven auf den Boden ist er sich sicher: „Da wird etwas bei rumkommen.“

Bildnachweis: Spau GmbH
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