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30.09.2026 denkmal

Herrnhut: Schlichter Barock, weltweite Spuren

Symmetrische, barocke Siedlungen, eine von der christlichen Gemeinschaft geprägte klare Architektursprache mit dem Betsaal als wiederkehrendes Zentrum: Von Herrnhut aus entstanden innerhalb kurzer Zeit Orte, die bis heute über Länder und Kontinente hinweg miteinander verbunden sind. Im Interview spricht Dr. Uwe Koch, Präsident von Europa Nostra Deutschland, über lebendig gebliebenes und bedrohtes Kulturerbe, die Licht- und Schattenseiten der Missionsgeschichte – und darüber, welche neuen Verbindungen auf der denkmal in Leipzig entstehen können.

Herr Dr. Koch, was macht das kulturelle Erbe der Herrnhuter Brüdergemeine aus Ihrer Sicht so außergewöhnlich – über seine religiöse Bedeutung hinaus?

Dieses Kulturerbe ist in einer relativ klar abgrenzbaren Zeitschicht getragen durch eine Idee des christlichen Miteinanders entstanden: im 18. Jahrhundert und damit in der Zeit des Barocks. Das zeigt sich sowohl in der baulichen Prägung der Siedlungsanlagen als auch in der Gestaltung der umgebenden Landschaft. Eine weitere Besonderheit ist seine große räumliche Verbreitung. Die Brüdergemeine breitete sich sehr schnell über zahlreiche europäische Länder und darüber hinaus aus. So verbindet dieses Erbe heute viele verschiedene Standorte miteinander.

Welche gemeinsamen Merkmale verbinden die weltweit entstandenen Herrnhuter Siedlungen und Missionsstationen? Und wo zeigen sich regionale Unterschiede?

Die charakteristischen Merkmale haben sich ab 1722 herausgebildet. Typisch sind ein schlichter barocker Baustil und eine idealtypische symmetrische Anordnung der Straßen und Gebäude. Es entwickelte sich zudem die besondere Struktur des Kirchsaals, die an vielen Standorten noch heute zu finden ist.

Diese systematische Anlage lässt sich von Herrnhut ausgehend beispielsweise in Niesky, im dänischen Christiansfeld oder im heute polnischen Nowa Sol verfolgen. Trotz regionaler Unterschiede und Verluste sind die baulichen Gemeinsamkeiten weiterhin gut erkennbar. Ein wesentlicher Unterschied besteht allerdings darin, dass nicht mehr an allen Orten lebendige Gemeinde existieren und diese Gebäude nutzen.

Herrnhut, Christiansfeld, Bethlehem und das nordirische Gracehill bilden seit 2024 gemeinsam eine transnationale UNESCO-Welterbestätte. Was erzählt das Zusammenspiel dieser vier Orte über das internationale Netzwerk der Brüdergemeine?

Den Anfang machte Christiansfeld in Dänemark, das 2015 in die Welterbeliste aufgenommen wurde. Neun Jahre später wurde die Welterbestätte um Herrnhut, Bethlehem und Gracehill erweitert. Dadurch ist das international bis heute gelebte Erbe der Brüdergemeine in seiner Spezifik sehr viel sichtbarer geworden.

Das Bewusstsein über den Wert des von den Herrnhutern geschaffenen Kulturerbes ist parallel gestiegen, auch wenn nicht alle Herrnhuter Stätten den Kriterien von Welterbe entsprechen.

Im Europäischen Kulturerbejahr 2018 entstand eine Broschüre über die Herrnhuter Siedlungen in Europa unter dem Titel „Herrnhuter. Von Sachsen nach Europa“. Das hat an vielen Standorten einen deutlichen Impuls ausgelöst, sich intensiver mit diesem gemeinsamen Erbe zu beschäftigen. Dieser Prozess führt zu neuen Netzwerken, neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen den Orten.

Die Herrnhut Missionsstation in Lichtenfels, Grönland, Photo von Th. N. Krabbe, zwischen 1889-1909. Das Gebäude brannte im Jahr 1981 nieder. Bildnachweis: Greenland National Museum & Archives

Viele historische Gebäude werden noch heute als Kirchen, Wohnhäuser, Museen oder Bildungseinrichtungen genutzt, andere stehen leer und verfallen. Wie beobachten Sie den unterschiedlichen Umgang mit dem Herrnhuter Erbe?

Der Zugang zu den Gebäuden und ihre heutige Nutzung unterscheiden sich von Ort zu Ort sehr stark. In Herrnhut selbst werden die meisten Gebäude noch in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt. Schon wenige Kilometer entfernt zeigt sich in Kleinwelka jedoch eine andere Situation: Dort ist das baukulturelle Erbe noch vorhanden, die ursprüngliche Nutzung aber zumeist nicht mehr. Das hat in den zurückliegenden Jahrzehnten zu erheblichen Problemen geführt. Deshalb gründete sich 2019 eine Initiative, die auf die Bedrohung des Schwesternhaus-Ensembles aufmerksam machte und sich für seinen Erhalt einsetzt. 2023 wurde es in das Europa-Nostra-Programm „7 Most Endangered“ aufgenommen. Der für Kleinwelka tätige Verein bemüht sich seitdem darum, die bauliche Wiederherstellung zu sichern, eine tragfähige neue Nutzung zu etablieren, die den Erhalt dauerhaft finanziell absichern kann. Diese Herausforderung stellt sich auch an anderen Kulturerbestätten, an denen die ursprüngliche Nutzung nicht mehr gegeben ist. Die letztes Jahr in Bautzen daraufhin unterzeichnete Absichtserklärung zwischen der EBU, den Städten und zivilgesellschaftlichen Initiativen war ein wichtiger Schritt zur Zukunftssicherung für Kleinwelka, aber auch darüber hinaus.

Die weltweite Missionstätigkeit der Brüdergemeine war eng mit europäischen Kolonialstrukturen verbunden. Wie lässt sich das Erbe Herrnhuts bewahren und vermitteln, ohne problematische Aspekte wie die der Missionierung auszublenden?

Das ist ein wichtiger Punkt. Auch in der Geschichte der Herrnhuter gibt es Licht und Schatten. Aus heutiger Sicht erkennen wir Aspekte, die einer weiteren Aufarbeitung bedürfen und bei denen die Forschung noch nicht für eine ausreichende Klärung gesorgt hat.

Die Zusammenarbeit mit Grönland ist dafür ein gutes Beispiel. Dort widmen sich die Grönländerinnen und Grönländer selbst diesem Erbe und haben großes Interesse daran, es zu dokumentieren, zu erfassen und mit anderen zu teilen. Für viele ist das auch eine Entdeckungsreise, aus der sich weitere Fragen nach der Bedeutung dieser Geschichte und ihren unterschiedlichen Facetten ergeben. Gerade im dänisch-grönländischen Verhältnis spielt das eine große Rolle.

Blick auf den Kirchensaal in Herrnhut, Bildnachweis: Stadt-Bild-Verlag

Bleiben wir nochmal kurz bei Grönland - während Neu-Herrnhut in der Hauptstadt Nuuk weitergenutzt wird, sind andere grönländische Missionsstationen aufgegeben und teilweise nur noch als Ruinenlandschaften erhalten. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für Schutz, Erforschung und Vermittlung?

Ich kann darüber nicht aus eigener Anschauung berichten. Genau deshalb kommt Inge Bisgaard vom grönländischen Nationalmuseum in Nuuk nach Leipzig. Sie wird anhand von Bildern und Texten zeigen, wie diese Orte entstanden sind, wie sie sich über die Zeit verändert haben und in welchem Zustand sie sich heute befinden.

Für mich ist es ein wichtiges Ziel auf der diesjährigen denkmal, Grönland stärker in die europäische Denkmalpflege einzubinden. Die Grönländerinnen und Grönländer schätzen Leipzig als Ort der Vernetzung und als Ort der Mittlung zwischen Ost und West. Umgekehrt ist es für uns spannend zu erfahren, welche Erfahrungen und Konservierungstechniken die Grönländerinnen und Grönländer mitbringen. Die Beschäftigung mit dem Herrnhuter Erbe in Grönland kann dadurch neue Aufmerksamkeit und neue Impulse erhalten.

Was muss also geschehen, damit Sie am 7. November, dem letzten Tag der denkmal, nach Hause fahren und sagen können: Das war eine gute denkmal?

Ich möchte viel Neues erfahren. Die denkmal ist ein Austauschort ersten Ranges – für Ideen und Technologien, vor allem aber für Menschen und ihr Engagement. Hier begegnen sich diejenigen, die Denkmale in die Zukunft bringen. Die denkmal leistet einen wichtigen Beitrag, indem sie diese Begegnungen ermöglicht. Schon in den Jahren vor der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, welche Dynamik daraus entstehen kann. Umso größer war die Freude, anschließend wieder daran anknüpfen zu können. Auf der Ebene der persönlichen Begegnung ist Leipzig unschlagbar. Wenn das auch in diesem Jahr wieder gelingt, war es für mich eine erfolgreiche denkmal.

Kirche von Neu-Herrnhut, Grönland, Bildnachweis: Greenland National Museum and Archives
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