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Kann ein Buch ein Denkmal retten?
Ohne Wissen über Baugeschichte, Materialien und Zustand lässt sich ein Denkmal kaum passgenau erhalten. Prof. Dr.-Ing. Christina Krafczyk, Präsidentin des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, und Frank Kluger, Verlagsleiter bei den CW Niemeyer Buchverlagen sprechen über Bücher als Wissensspeicher, den Denkmalatlas Niedersachsen, historische Bausubstanz als Ressource – und darüber, wie digitale und immersive Formate die Denkmalvermittlung verändern werden.
Frau Dr. Krafczyk, kann ein Buch ein Denkmal retten?
Dr.-Ing. Christina Krafczyk: Wenn es sich um eine Baumonografie handelt unbedingt. Dann stellt es die notwendige Grundlage für die Erhaltung des Denkmals dar. Ohne solide Kenntnisse der Baugeschichte, der Bauphasen und des baulichen Zustands können Maßnahmen zur Erhaltung nicht maßgeschneidert entwickelt werden. Es ist immer hilfreich, wenn die Kenntnisse frühzeitig im Abwägungsprozess einer Planung zur Verfügung stehen.
Krafczyk: Denkmalpflege ist ein fachlich anspruchsvolles Thema. Was muss eine Publikation leisten, damit sie wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und zugleich gern gelesen wird?
Die Bandbreite in der Denkmalpflege ist groß. Publikationen betreffen die großen Kernthemen des Faches mit Denkmalinventarisation und Denkmalerhaltung. Wissenschaftliche Fragestellungen reichen von Fachgeschichte, Werkmonografien, Materialkunde, Bauforschung, Restaurierung, Best-Practice-Beispielen und vielem anderen mehr. Je nach Themenstellung ist es die große Kunst, die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit großer Tiefenschärfe im Einzelnen in einen größeren Zusammenhang zu stellen und neue Zugänge zum Thema zu entwickeln.
Krafczyk: Gedrucktes Buch, E-Paper oder digitale Datenbank: Wie verändert die Digitalisierung die Dokumentation und Vermittlung von Denkmalpflege?
Grundsätzlich erzielen wir durch die Digitalisierung unserer Formate – darunter auch der Zeitschrift „Berichte zur Denkmalpflege“ und weiterer Publikationen – eine erhöhte Reichweite, mehr Akzeptanz durch verlässliche Information und Auffindbarkeit, sowie Anschlussfähigkeit an die Fragen, die im Heute gestellt werden. Insbesondere mit unserem Online-Angebot Denkmalatlas Niedersachsen haben wir darüber hinaus einen stets aktuellen Wissensspeicher geschaffen und zur Kommunikationsplattform mit den Bürger:innen, Fachleuten, Planer:innen und Denkmaleigentümer:innen entwickelt. Er macht die Denkmallandschaft Niedersachsens im Ganzen zugänglich, gibt aber auch die Möglichkeit zur exemplarischen Vertiefung. Diese dynamische Verbindung aus informativer Bestandsübersicht, fundierter Denkmalvermittlung und Präsentation im Objektportal mit Recherchefunktion macht den Denkmalatlas des NLD zu einem nachhaltigen Online-Instrument der Denkmalpflege.
Wir glauben, dass es mit diesem Format gelingen kann, Öffentlichkeit und Politik wieder in stärkerem Maße für die bestehenden Qualitäten – das, was Niedersachsen baukulturell ausmacht – zu sensibilisieren und durch qualifizierte Beratung in die Zukunft zu tragen. Und natürlich setzen wir auch darauf, mit einem solchen digitalen Dokumentations- und Vermittlungsformat dem kontinuierlichen Anstieg des Durchschnittsalters der Denkmalinteressierten zu begegnen und die junge Generation zu erreichen und für die historische Bausubstanz zu begeistern.
Krafczyk: Welche Themen beschäftigen Ihre Leserinnen und Leser gegenwärtig besonders – und spiegelt sich darin auch ein verändertes Verständnis von Denkmalpflege wider?
Ein Thema, das unsere Leserinnen und Leser derzeit besonders beschäftigt, ist das Verhältnis von Denkmalpflege und Klimaschutz – lange als Gegensatz wahrgenommen, wird es zunehmend als Synergie verstanden. Zentral ist dabei der Gedanke, dass Kulturerbe nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung ist: Baudenkmale verkörpern durch ihre "Graue Energie", ihre Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit bereits eine Form von Ressourcenschonung, die im Neubau erst noch erreicht werden muss. Damit verschiebt sich das Verständnis von Denkmalpflege weg von der reinen Bewahrung historischer Substanz hin zu einer aktiven Rolle als Wissens- und Erfahrungsgeber für nachhaltiges, klimagerechtes Bauen. Auffällig ist auch das wachsende Interesse an ganzheitlichen Betrachtungsweisen, die über die einzelne Fassade oder das einzelne Bauteil hinausgehen und stattdessen Quartiere, Lebenszyklen und Gesamtenergiebilanzen in den Blick nehmen. Insgesamt spiegelt sich darin ein Perspektivwechsel wider: Der "Blick zurück" auf traditionelles Bauwissen wird nicht mehr als rückwärtsgewandt, sondern als zukunftsweisender Beitrag zur Klimadebatte verstanden.
Herr Kluger, die CW Niemeyer Buchverlage in Hameln sind seit vielen Jahren Aussteller der denkmal. Welche Bedeutung hat der direkte Austausch mit Fachleuten für einen Verlag, dessen tägliche Arbeit vor allem mit Texten und Büchern verbunden ist?
Kluger: Ja, auf der denkmal sind wir schon seit 1998 vertreten und präsentieren hier alle zwei Jahre die Zeitschrift „Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen“, die vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Hannover erstellt, redaktionell betreut und herausgegeben wird. Der direkte Austausch mit den Fachleuten und der Redaktion im Niedersächsischen Landesamt ist nicht nur inhaltlich bereichernd für uns, weil sich unsere Verlagsinhalte – Regionalia aus dem Weserbergland, Kunstbildbände, Historisches, Märchen und Sagen, Romane – und die Denkmalpflege prima ergänzen, sondern er ist auch unerlässlich bei der Produktion der Zeitschrift, damit die Prozesse Redaktion und Autor:innenbeiträge, Herstellung und Vertrieb gut ineinandergreifen und reibungslos verlaufen können.
Was werden Sie zur denkmal 2026 mit nach Leipzig bringen – und auf welche Neuerscheinung oder Publikation möchten Sie besonders aufmerksam machen?
Kluger: Wir haben immer eine große Auswahl an Exemplaren verschiedener Jahrgänge im Gepäck sowie diverse Ausgaben zu Schwerpunktthemen aus Niedersachsen, zum Beispiel zur Gartendenkmalpflege oder zu den zwanziger Jahren, in denen die Besucher*innen an unserem Stand stöbern können. Dabei stehen inhaltlich alle denkmalpflegerischen Tätigkeitsfelder im Vordergrund, vor allem Architektur, Archäologie und Bau- und Kunstgeschichte. Zur diesjährigen denkmal-Messe wird auch die zuletzt im Mai 2026 erschienene Ausgabe mit von der Partie sein – mit informativen und spannenden Artikeln zur kirchlichen Bauforschung in Niedersachsen. Auf unserer Verlagshomepage sind darüber hinaus neben den verkäuflichen Exemplaren auch zahlreiche E-Paper-Ausgaben kostenfrei und bequem auf allen Endgeräten abrufbar. Also: vorbeischauen lohnt sich unbedingt!
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie werden wir Wissen über Denkmäler in zehn oder zwanzig Jahren dokumentieren und weitergeben?
Kluger: In der Tat schreitet die Entwicklung von Digitalisierung, KI und immersiver Technologien in so rasantem Tempo fort, dass sich auch die Dokumentation und Weitergabe von Wissen über Denkmäler besonders für das allgemeine Publikum und interessierte Laien immens verändern wird. Der „Erlebnischarakter“ eines Denkmals wird da möglicherweise noch mehr im Zentrum stehen, eingebettet in die geschichtliche Dimension: interaktiv, z.B. durch virtuelle Zeitreisen erfahr- und nahbar gemacht. Das birgt die Chance des weiter zunehmenden Interesses und der vermehrten Wertschätzung bei der Bevölkerung mit dem Wunsch, möglichst viele Denkmäler in ihrer Originalsubstanz erhalten zu können.