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Nachkriegsmoderne? Ostmoderne? Wo ist der Unterschied?
Ein Kommentar unter einem LinkedIn-Post führt zu Fragen und einer kleinen Recherchereise. Die Antwort liegt in der Architekturgeschichte der Nachkriegszeit, die sich in zwei Systemen ähnlich, aber doch verschieden entfaltete. Eine Geschichte, die sich bis heute in den Städten von Ost- wie Westdeutschland ablesen lässt und mehr und mehr als schützenswert anerkannt wird.
Ein LinkedIn-Post zu erst neulich zu Denkmälern erklärten, Leipziger Schulen, überschrieben mit „Plattenbauten des Sozialismus“. Der dazugehörige Artikel greift das Beispiel der noch heute genutzten Gebäude mitsamt ihrer Kunst am Bau als Aufhänger und geht auf die Ostmoderne im Allgemeinen ein. So geschehen im Sommer des vergangenen Jahres. Eine Nutzerin kommentiert unter dem Post: „Plattenbauten des Westens, Schulbauten in Beton, Flachdach gab es genauso. Siehe Schulzentren in NRW und Niedersachsen, ... Fahren Sie einmal durch die Kleinstädte und Dorfzentren.“
Einmal Chemnitz neben Köln gelegt…
Oha. Soweit hatte der Autor des Artikels gar nicht gedacht. Wenn die LinkedIn-Userin Recht hat, braucht es dann den Begriff der Ostmoderne überhaupt? Was ist dran an dem Kommentar? Also, auf und nachgefragt, bei zweien, die es wissen müssen. Zunächst ein Telefonat mit Dr. Ursula Schirmer, Pressesprecherin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Sie sitzt in ihrem Büro in Bonn. Sie sagt: „Schauen Sie sich die Oper bei Ihnen in Leipzig an und halten Sie sie neben die Beethovenhalle in Bonn. Die beiden Bauten sprechen die gleiche Architektursprache und könnten Schwestern sein!“ Deutliche Ähnlichkeiten gibt es also. Aber nochmal nachgehakt, Dr. Schirmer, wenn jetzt mal die gesamte Stadt Chemnitz neben die gesamte Stadt Köln gehalten wird – dann ist da doch ein deutlicher Unterschied erkennbar? Die Antwort führt Dr. Schirmer in die Unterschiede der politischen und wirtschaftlichen Systeme von BRD und DDR. Im nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörten Köln existierten die meisten der zuvor bestandenen Eigentumsverhältnisse weiter fort. Zwar wurde auch dort am Stadtrand viel industriell gebaut. Aber Architektinnen und Architekten erfüllten an anderer Stelle die individuellen Eigenheim-Wünsche von Häuslebauern oder auch der öffentlichen Hand. Das zeige sich noch heute im Stadtbild. In Chemnitz und anderen ostdeutschen wie auch osteuropäischen Städten wurden oft ganze Stadtteile nach einem gültigen Gesamtentwurf gebaut. Teilen würden sich beide Baustile aber die funktionale Bauweise und die industrielle Vorfertigung. Die Ursache war in Ost und West dieselbe: Der Wohnungsnot in den zerstörten Städten beizukommen.
Der Unterschied steckt im Detail… und in der Kunst
Marco Dziallas vom Netzwerk nachkriegsmoderne Baukunst „ostmodern“ schränkt die Aussage etwas ein. Ja, die Bauakademie in Ost-Berlin habe als maßgebliche Instanz zentral geplant und die Vorgaben für die industrielle Fertigung definiert. In den einzelnen DDR-Bezirken habe es dann jedoch immer wieder auch Anpassungen gegeben. „Und wenn man genau hinschaut, dann gebe es eine enorme Vielfalt der Platten im Osten.“ fügt Dziallas an. „Da sind Balkonbrüstungen unterschiedlich ausgeformt, der Waschbeton sieht anders aus oder es wird mal mit eingesetzter farbiger Keramik gearbeitet. Kunst am Bau findet sich an vielen öffentlichen Bauten der Ostmoderne, wie Schulen, Kindergärten, Sport oder Kultureinrichtungen.“ Im Osten seien zudem großflächige Wohngebiete entstanden. Dresden-Prohlis, das Fritz-Heckert-Gebiet in Chemnitz, Halle-Neustadt, Jena-Lobeda, Leipzig-Grünau oder Berlin-Marzahn um nur einige zu nennen.“ Dr. Schirmer entgegnet: „Großflächig, seriell gebaute Gebiete gab es aber auch im Westen! Fahren Sie mal nach Köln-Chorweiler!“ In Ordnung, neben den Kleinstädten und Dorfzentren, wie von der LinkedIn-Userin gefordert, kommt nun auch die Kölner Trabantenstadt auf die Liste für den nächsten Roadtrip durch NRW.
Doch auch Dziallas sieht die Gemeinsamkeiten. Neben Funktionalität und industrieller Vorfertigung sei die Architektur in Ost wie West unverschnörkelt und klar dahergekommen. Die Funktion, die das Gebäude im Inneren ausfüllt, wird so sichtbar nach Außen transportiert.
Junge Generationen in Ost wie West schätzen und schützen die Moderne
Und wie steht es um den Denkmalschutz? Im Osten sei das oftmals ein Kampf, berichtet Dziallas. Den Abbruch der ehemaligen Kantine des VEB Kombinats Robotron in Dresden, unweit vom Hygienemuseum gelegen, haben Dziallas und seine damaligen Mitstreiterinnen verhindern können. Mit seinem Netzwerk „ostmodern“ dokumentiert er die Bauten, die vor dem Abriss stehen. Und manchmal verhindern sie gar den Abriss. Trotz steigender Denkmaleinträge auch von Bauten der Ostmoderne laufe die Denkmalerfassung im Osten insgesamt eher schleppend, oftmals seien die Ressourcen in den Landesämtern nicht da und eine systematische Erfassung wünschenswert.
Dr. Schirmer betont, dass das im Westen nicht anders sei. Heute seien es oftmals die jungen Generationen, die den Wert der Nachkriegs- beziehungsweise Ostmoderne erkennen würden. Als Beispiel führt sie erneut die Beethovenhalle in Bonn an. Da waren es Studierende, die sich für deren Erhalt eingesetzt haben. Und auch Marco Dziallas Geschichte mit der Robotron-Kantine und seinem Netzwerk sollte ihr Recht geben.
Braucht es nun den Begriff der Ostmoderne? Im Namen von Dziallas Netzwerk stecken tatsächlich beide Begriffe – der der Ost- wie der der Nachkriegsmoderne. Offenbar braucht es beide. Um Unterschiede in Architektur wie auch den damals rivalisierenden Systemen nicht zu verwischen. Am Ende sei es rein sprachlich aber alles Nachkriegsmoderne. Aber warum heißt es dann eigentlich nicht Westmoderne, Dr. Schirmer? „Nun, der Begriff der Nachkriegsmoderne wurde in der alten Bundesrepublik schon vor 1989/90 geprägt. Der Begriff der Ostmoderne kam erst nach der Wende in der Architekturgeschichte auf – um die Eigenständigkeit der Moderne des Ostens zu betonen.“ Beide sind sich einig: es benötigt unbedingt noch wissenschaftliche Forschung zum Thema, allein schon, um die Begriffe in ihrer zeitlichen und regionalen Dimension sauber voneinander trennen und vergleichen zu können. Denn ganz deutlich wird in der Beschäftigung mit dem Thema: sauber zu formulieren und zu differenzieren ist gar nicht so einfach. Dr. Schirmer: „Wenn ich heute eine Promotion schreiben würde, würde ich eine Fragestellung zu diesem Thema aufwerfen.“
Info: Am 28. Februar eröffnet die Ausstellung „PLATTE OST / WEST“ im Stadtmuseum Dresden. Zu sehen ist sie bis zum 29. November 2026 – also, direkt nach der denkmal in Leipzig noch ein Stück weiter Richtung Osten und anschauen 😉