News
News
Von Grönland bis Armenien: Europas Handwerk kommt nach Leipzig
Zehn Praktikerinnen und Praktiker aus zehn europäischen Regionen zeigen auf der denkmal in einem Mosaik, wie vielfältig und lebendig Kulturerbe sein kann. Initiiert hat das Bert Ludwig von den European Heritage Volunteers. Im Interview erklärt er, warum traditionelle Techniken von der Strohdachdeckung bis zur Schwarzstickerei bedroht sind – und weshalb ihre Weitergabe jetzt wichtiger ist denn je.
Herr Ludwig, was verbirgt sich hinter dem „Europäischen Mosaik der Praktiker des kulturellen Erbes“ – und wie ist die Idee dazu entstanden?
Die Idee für das Europäische Mosaik der Praktiker des kulturellen Erbes entstand, weil wir bei unserer denkmalpflegerischen Arbeit in zahlreichen europäischen Ländern dasselbe Phänomen beobachten – dass traditionelle Handwerkstechniken, die über Jahrhunderte prägend für eine Region waren, zunehmend in Vergessenheit geraten.
Dies ist zum einen darin begründet, dass die oft arbeitsintensiven Techniken in der heutigen Zeit, in der Personalkosten oft der größte Kostenfaktor sind, mit modernen, weniger arbeitsintensiven Techniken nicht konkurrieren können; zum anderen darin, dass die traditionellen, oft natürlichen Materialien, die in früheren Zeiten verwendet wurden, die häufig auf dem Markt geforderten Ansprüche an Homogenität und Gewährleistung nicht erfüllen können; sowie, dass Techniken, die natürliche oder naturnahe Materialien verwenden, in den meisten Fällen regelmäßige Inspektion, Pflege und Instandhaltung verlangen, was mit dem heute weit verbreiteten Anspruch, ein Produkt zu erwerben, das möglichst „ewig“ halten möge, kollidiert. Demgegenüber werden die positiven Aspekte dieser Techniken – die Individualität von handwerklich hergestellten Objekten, ihre Resilienz in Bezug auf Veränderungen der klimatischen Bedingungen und ihre, bei entsprechender Pflege, Dauerhaftigkeit – oft nicht ausreichend wertgeschätzt.
Dazu kommen Herausforderungen wie der demographische Wandel, die Abwanderung aus ländlichen Regionen und der Verlust an regionaler Identität, die dazu führen, dass, wenn diejenigen, die traditionelle Techniken beherrschen und ihr Wissen und ihre Fähigkeiten von vorhergehenden Generationen erworben haben, in den Ruhestand gehen oder versterben, diese schlichtweg keine Nachfolger finden.
Diese Entwicklungen lassen sich überall in Europa beobachten – im Westen und Norden bereits etwas weit fortgeschrittener, im Süden und Osten mit einer gewissen Verzögerung.
Aus den vorstehend beschriebenen Gründen haben wir das Mosaik der Praktiker des kulturellen Erbes initiiert.
Das Mosaik führt zehn Praktiker aus zehn europäischen Regionen – von Grönland bis zur Ukraine, von Litauen bis Armenien – zusammen, die ihr jeweiliges Gewerk in praktischer Tätigkeit demonstrieren, da wir überzeugt sind, dass durch diese Anschaulichkeit viel besser Interesse geweckt werden kann, als es lediglich durch Texte und Fotos möglich wäre.
Warum ist gerade das Bild eines Mosaiks passend, um das Engagement für Kulturerbe in Europa zu beschreiben?
Das Bild des Mosaiks beschreibt am besten die Kleinteiligkeit und die zahlreichen Facetten des europäischen kulturellen Erbes, das letztlich dennoch ein vielgestaltiges gemeinsames Bild ergibt.
Welche Formen des kulturellen Erbes bringen die vertretenen Organisationen und Länder mit nach Leipzig?
Die vertretenen Länder, Institutionen und Organisationen zeigen, wie vielfältig das europäische Kulturerbe und seine handwerklichen Ausprägungen sind.
Aus Armenien wird die traditionelle Kunst der Fertigung der landestypischen steinernen Stelen, der Chatschkare, präsentiert, aus dem Erzgebirge die traditionelle Strohdachdeckung, aus Litauen das Schnitzen hölzerner Fastnachtsmasken sowie aus Rumänien und der Ukraine traditionelle regionale Sticktechniken.
Einen wichtigen Aspekt stellen handwerklich basierte Konservierungstechniken dar, wie die Restaurierung von orthodoxen Ikonen in Serbien und die Konservierung römischer und frühchristlicher Mosaike in Nordmazedonien.
Schließlich werden Techniken präsentiert, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten waren, aber nun wiederbelebt werden – wie die Gewinnung natürlicher Pigmente aus farbigen Erden und Steinen in Österreich, die Herstellung von Farben auf der Basis von Wal- und Robbenfett in Grönland und Forschungen in Bayern, die die Herstellung von Baustoffen ähnlich zum römischen Beton und zum Terrazzo der Renaissance ermöglichen.
Restaurierung von Ikonen, © European Heritage Volunteers
Ein besonderer Fokus liegt auf Ländern, deren denkmalpflegerische Arbeit international bislang weniger wahrgenommen wird. Welche neuen Perspektiven können diese Akteure in die europäische Debatte einbringen?
In der Wahrnehmung des europäischen kulturellen Erbes durch die breite Öffentlichkeit besteht eine markante Schieflage: Basierend auf dem verbreiteten (westeuropäischen) Kanon und Verständnis der Kunstgeschichte und einer Fokussierung auf die „Hochkultur“ erfährt das kulturelle Erbe von Ländern wie Italien, Frankreich und Deutschland deutlich mehr Beachtung als das Erbe anderer Länder. Zudem wird der Terminus „Europa“ oft fälschlicherweise mit der Europäischen Union gleichgesetzt.
Dabei werden zahlreiche Aspekte außer Acht gelassen – wie der, dass über 90 % des kulturellen Erbes gerade keine „Leuchttürme der Kunstgeschichte“ und keine „instagram-fähigen“ Erbestätten sind, sondern Denkmale in kleineren Städten und Dörfern, die wesentlich zur Identität der jeweiligen Region beitragen; oder der, dass in der Vergangenheit nicht nur westeuropäische Zentren, wie Rom, sondern auch weiter östlich gelegene, wie Byzanz, wesentlichen Einfluss auf die künstlerische und bautechnische Entwicklung hatten, oder der, dass gerade in Regionen, die sich weiter entfernt von den Epizentren der künstlerischen, bautechnischen und später industriellen Entwicklungen befanden, sich lokale und regionale Traditionen stärker erhalten haben als in denen, die nahe an diesen Epizentren liegen.
Bei traditionellen Handwerkstechniken sind die Regionen „am Rande Europas“ von besonderer Bedeutung, da sich dort aus den vorgenannten Gründen lokale und regionale Techniken und Traditionen stärker erhalten haben als in der Mitte des Kontinents; allerdings sind sie auch hier bedroht.
Somit dient der Fokus des Mosaiks der Praktiker des kulturellen Erbes auf diese Länder einerseits dazu, die Reichhaltigkeit des in Europa praktizierten handwerklichen Praktiken zu veranschaulichen, andererseits auch dazu, diesen gefährdeten Praktiken überregionale Sichtbarkeit zu geben.
Gibt es unter den vorgestellten Techniken Methoden, die selbst innerhalb der Fachwelt nur noch wenig bekannt oder selten anzutreffen sind?
Ja. Einerseits stellen wir auf dem Europäischen Mosaik der Praktiker des kulturellen Erbes Techniken vor, die viele wohl geographisch anders verorten würden – so würde beispielsweise bei der Konservierung und Restaurierung römischer und frühchristlicher Mosaiken kaum jemand zunächst an Nordmazedonien denken.
Zum anderen stellen wir Techniken vor, die in Mittel- und Westeuropa auch unter Fachleuten weniger bekannt sein dürften – wie die Technik der Fertigung der Chatschkare aus Tuffgestein in Armenien.
Zum dritten stellen wir Techniken vor, deren historische Existenz zwar bekannt ist, deren konkrete Technologie jedoch in Vergessenheit geraten war, wie die auf der Basis vielfältiger archäologischer Forschungen und Materialuntersuchungen ermittelte Technologie der Herstellung des römischen Betons.
Zum vierten stellen wir Techniken vor, die im Zuge der Industrialisierung verdrängt worden waren, nun aber wieder in kleinerem Rahmen praktiziert werden, wie die Gewinnung und Anwendung von Pigmenten aus farbigen Erden in Österreich und die Gewinnung von an die klimatischen Verhältnisse in der Arktis optimal angepassten Farben auf der Basis von Wal- und Robbenfett in Grönland.
Schließlich öffnet die Einbeziehung von Techniken des immateriellen kulturellen Erbes, wie die Fertigung von hölzernen Fastnachtsmasken in Litauen und die Wiederbelebung traditioneller Techniken zur Herstellung von für die jeweilige nationale und regionale Identität prägenden Textilien in Rumänien und Ukraine, Einblicke, die für Menschen, die vorrangig mit dem baulichen Erbe befasst sind, neu sein dürften.
Fertigung von Holzmasken, © European Heritage Volunteers
Das Mosaik stellt auch erfolgreiche Beispiele für die Einbindung junger Menschen vor. Was zeichnet Projekte aus, denen es gelingt, Nachwuchs für den Kulturerhalt zu gewinnen?
Manche der vorgestellten Techniken werden nur noch von wenigen Handwerkern beherrscht. Aufgrund der eingangs geschilderten Situation ist die Weitergabe der Kenntnisse und Fähigkeiten an junge Menschen von grundsätzlicher Bedeutung. Nahezu alle zehn der von uns vorgestellten Techniken leiden unter Mangel an Nachwuchs.
Umso mehr sind wir erfreut, dass Litauen und Nordmazedonien durch junge Spezialisten präsentiert werden. Da die junge Generation Vorbilder benötigt, von denen sie lernen kann, freut uns ebenso die Teilnahme unserer beiden ältesten Praktiker – eines über 80-jährigen Restauratorenehepaars aus Österreich.
Soll das Europäische Mosaik über die diesjährige denkmal hinaus weiterwachsen oder möglicherweise auch an anderen Orten gezeigt werden?
Ja. Die erste Ausgabe ist lediglich als ein Auftakt gedacht, der Interesse für das Thema wecken soll. In den kommenden Jahren soll das Mosaik um weitere Länder, Regionen und Techniken ergänzt werden und auch an anderen Orten in Deutschland und in anderen europäischen Ländern gezeigt werden.
Welcher „Mosaikstein“ beziehungsweise welche der beteiligten Initiativen hat Sie bei der Vorbereitung selbst besonders überrascht?
Da das Mosaik aus unserem Netzwerk hervorgegangen ist, mit dessen Partnern wir schon lange zusammenarbeiten, hat uns keiner der Mosaiksteine wirklich überrascht – deshalb würde ich die Frage vielleicht etwas abwandeln: „Die Teilnahme welches Mosaiksteins hat Sie am meisten gefreut?“.
Das ist einerseits die Teilnahme des Meisters aus Armenien, der sich seit langem mit der Technik der Fertigung von Chatschkaren beschäftigt – weil die sehr alte und reiche armenische Kultur hierzulande nicht sehr bekannt ist.
Und zum anderen ist dies – eher aus regionaler sächsischer Sicht gesehen – die Präsentation der traditionellen Strohdachdeckung durch das Erzgebirgische Freilichtmuseum Seiffen, da diese einst in unserer Region weit verbreitete Technik faktisch nicht mehr gepflegt wird. Sollte es gelingen, durch die Präsentation auf der denkmal 2026 diese Technik wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken und so Unterstützung zu generieren, um das ehemals mit einem Strohdach versehene Gebäude im Erzgebirgischen Freilichtmuseum wieder – gern unter tatkräftiger praktischer Unterstützung von European Heritage Volunteers – mit einem Strohdach zu versehen, wäre dies ein großer Gewinn für den Erhalt einer in Sachsen ursprünglich weit verbreiteten, aber heute gefährdeten traditionellen Handwerkstechnik.