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26.10.2026 denkmal

Was vom Krieg bleibt

In der Ukraine werden zugleich Kulturstätten durch das Bombardement und die Armee Russlands zerstört, während Ukrainerinnen und Ukrainer Sammlungen evakuieren und Denkmale digital sichern. Mehrere Fragen stellen sich im fünften Kriegsjahr: soll schnell wiederaufgebaut werden, damit das Leben zurückkehrt, oder soll die Zerstörung sichtbar gehalten werden, damit sie nicht vergessen wird? Und welche Rückschlüsse können schon heute aus den ukrainischen Erfahrungen gezogen werden?

Eine ganze Sammlung rasch in Kisten verpacken. Luftentfeuchter, Generatoren und Feuerlöscher beschaffen, damit Kunstwerke fachgerecht gelagert und evakuiert werden können – bestenfalls – während sich die Sicherheitslage täglich verändert. Selten beginnt Kulturgutschutz im Krieg mit einem langfristigen Plan. Meist beginnt er mit Entscheidungen unter Zeitdruck.

Seit dem Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine unterstützt das Ukraine Art Aid Center Kultureinrichtungen im ganzen Land mit all dem Gerät, was für eine möglichst schonende Evakuierung beziehungsweise Einlagerung benötigt wird. Mehr als 1.200 Museen, Bibliotheken, Archive, Theater und weitere Einrichtungen haben inzwischen Hilfe vom Center erhalten. Johannes Nathan, Vorsitzender des Vereins, erinnert sich an die ersten Monate nach dem 24. Februar 2022: „In ganz vielen Fällen ging es darum, Sammlungen, die in Ausstellungsräumen präsentiert wurden, provisorisch in unterirdische Kellerräume einzulagern.“ Oft seien diese Bestände später erneut umgelagert oder evakuiert worden.

Der Bedarf, der täglich an das Center gemeldet wird, ist bis heute hoch und längst breiter als Verpackungsmaterial und Archivboxen. Einrichtungen benötigen Klimageräte für Notlager, Stromversorgung bei Ausfällen und Computer, wenn Büros zerstört wurden. Theater erhalten Generatoren, um ihren Spielbetrieb fortsetzen zu können. „Die Ukrainerinnen und Ukrainer wollen kulturelles Leben auch im Krieg und ihr Erbe erhalten“, sagt Nathan. „Trotz Beschuss wird nicht aufgehört zu leben.“

Das Theater- und Opernhaus in der Großstadt im Norden der Ukraine wurde am 23. August 2023 durch einen russischen Angriff stark beschädigt. Das UAAC organisierte hier als erste NGO Hilfe, weitere Organisationen folgten diesem Beispiel. So gelang es durch Instandsetzungen innerhalb von fünf Monaten, eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu ermöglichen. © Akademisches Regionales Musik- und Dramatheater Tschernihiw “T. H. Schewtschenko”

Wiederaufbau als Rückkehr in den Alltag

Für Vira Orlovska, die beim Ukraine Art Aid Center Management und Fundraising verantwortet, hat sich die Lage nochmals verschärft. Die finanzielle Unterstützung gehe zurück, während die Zahl der Anfragen steige. Orlovska führt allein die Lage in Kyiv an. Während man in den ersten Kriegsjahren noch von Stadteilen sprechen konnte, die als halbwegs sicher galten, gelte das heute für keine einzige Nachbarschaft mehr. Überall könnten russische Raketen oder Drohneneinschläge niedergehen. Immer mehr Einrichtungen wollten ihre Bestände daher vorsorglich auslagern.

Was geschehen soll, wenn ein Gebäude getroffen oder eine Sammlung bedroht ist, lässt sich nicht immer aus der Ferne entscheiden. In den besetzten Gebieten seien Einrichtungen und Bestände teils vollständig aus dem Blick geraten, berichtet Orlovska. Das Museum in Luhansk etwa habe einst rund 300.000 Objekte umfasst. Nach 2014 sei es mit einem kleineren Team und nur noch 5.000 Objekten wenige Kilometer entfernt neu aufgebaut worden. Nach 2022 geriet auch dieses Museum erneut unter Besatzung - ohne die Möglichkeit, Bestände mitzunehmen.

Und doch wird vielerorts wieder aufgebaut. Die Vororte von Kyjiw, die in den ersten Kriegsmonaten massiv zerstört wurden, seien heute weitgehend erneuert, sagt Nathan. Das sei wichtig, damit Menschen nicht dauerhaft in einer Umgebung leben müssten, die sie Tag für Tag an Gewalt und Verlust erinnere. Der Wiederaufbau sorgt dafür, dass auch im Krieg ein Mininmum an Alltag, Nachbarschaft und kulturelles Leben zurückkehren können.

Zur Dokumentation von gefährdeten Musikarchivalien stellt das UAAC zwei ukrainischen Partnerinstitutionen Geräte für die Digitalisierung bereit: Die Nationalbibliothek in Kyjiw verwahrt Bestände vom 12. bis zum 20. Jahrhundert, die Bibliothek der Nationalen Universität der Künste in Charkiw vor allem zur zeitgenössischen Musik. Nach abgeschlossener Digitalisierung werden die gewonnenen Daten in Kooperation mit der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) erschlossen, wissenschaftlich ausgewertet und archiviert. Ein Großteil davon wird dann über die RISM-Datenbank und – soweit rechtlich möglich – über die Website der SLUB frei zugänglich sein. © Phonothek der Charkiwer Universität “Kotljarewskyj”

Den Verlust abbilden, die Kopie bewahren

Gleichzeitig entstehen in der Ukraine neue Formen der Dokumentation und Erinnerung. Das Museum zum Zweiten Weltkrieg in Kyiv sammelt heute Dokumente, Fotos und Archivmaterial zum gegenwärtigen Krieg. Virtuelle Projekte machen zerstörte Kunst und Gebäude mittels 3D-Rekonstruktionen sichtbar. In Hostomel erinnert eine Gedenkstätte an Soldaten, die den Vormarsch russischer Truppen aufhielten. Und auf Friedhöfen wächst eine auch in anderen europäischen Medien über Bilder vermittelte Erinnerungskultur: Reihen neuer Gräber, gelb-blaue Bänder und Flaggen verdeutlichen, wofür hier Menschen gestorben sind, Fotos, Erinnerungsstücke, Briefe erzählen von Verlust und Trauer.

Auch die digitale Dokumentation hilft dabei. Das Team von Skeiron aus Lwiw erfasst gefährdete Bau- und Kulturdenkmale mit Laserscanning und Fotogrammetrie; mehr als 100 Objekte sind bereits digital dokumentiert. Der Laserscanner vermisst dabei die Geometrie eines Bauwerks aus vielen Positionen; tausende Fotos ergänzen Farben, Oberflächen und Wandmalereien. Zusammen entsteht ein präzises digitales Modell.

„Ein digitales Modell ist nicht nur eine Kopie, die irgendwo in einer Cloud liegt“, betont Skeiron-Mitgründer Yurii Prepodobnyi. Die Daten könnten für Forschung, Restaurierung und Wiederaufbau genutzt werden. Mit 3D-Druck ließen sich zudem tastbare Modelle herstellen, über die etwa blinde Menschen ein Denkmal erfahren können. Dennoch ersetzt die digitale Sicherung weder das Gebäude noch dessen Materialität oder Atmosphäre. Sie bewahrt Wissen und eröffnet Möglichkeiten für die Zeit danach.

Mit Modellen wie diesem stellt Skeiron unter anderem sicher, dass im Falle einer Zerstörung die Option des Wiederaufbaus, © Skeiron

Vorbereitet sein, bevor es zu spät ist

Am 6. November trifft diese Erfahrung auf der denkmal auf eine polnische Perspektive. Michał Krasucki vom polnischen Nationalen Institut für Kulturerbe arbeitet an Strategien für Kriegsszenarien und Naturkatastrophen. Nach dem 24. Februar 2022 seien bestehende Verfahren in Polen grundlegend überprüft worden. Im Mittelpunkt stehe heute die Eigenvorsorge der Institutionen.

„Im Ernstfall kann man sich nicht darauf verlassen, dass Armee, Zivilschutz oder Feuerwehr Zeit für kulturelles Erbe haben“, sagt Krasucki. Diese Kräfte würden andere kritische Aufgaben übernehmen müssen. Sein zentraler Rückschluss aus den Erfahrungen der Ukraine ist daher ‚self-preparedness‘: „Einrichtungen müssen selbst vorbereitet sein: mit Material, Wissen und einem tragfähigen Netzwerk.“

Für Kultureinrichtungen in Deutschland und Europa ist das keine abstrakte Frage. Wo könnten Bestände im Notfall gelagert werden? Welche Objekte haben Priorität? Wer kann Verpackungsmaterial, Transport oder fachliche Hilfe organisieren? Und welche Kontakte müssen längst bestehen, bevor eine Krise eintritt? Kasuckis Empfehlung ist deutlich und hallt nach. Es gelte jetzt, sich zu beeilen, um im Zweifel doch auf einen gewissen, langfristigen Plan setzen zu können, denn: „We don’t have the time.“

Die Diskussion zum Artikel auf der denkmal 2026:

Saving Ukrainian Cultural Heritage in Wartimes

  • Freitag, 6. November 2026, 10:15 bis 11:45 Uhr
  • denkmal-CAMPUS (Lab), Halle 2, Stand L07
  • Sprache: Englisch mit deutscher Übersetzung

Mehr Infos

Das Khanenko Museum ist eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Ukraine. Die Bestände wurden bereits im Frühjahr 2022 ausgelagert und konserviert. Ein Teil der dafür benötigten Verpackungsmaterialien wurde vom Ukraine Art Aid Center bereitgestellt. Ein Schritt, der sich als vorausschauend erwies, denn am 10. Oktober 2022 wurden Teile des Gebäudes durch eine russische Rakete beschädigt. © Daria Sukhostavets
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