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30.09.2026 denkmal

Wissen weitergeben, Kulturerbe bewahren: Traditionelles Handwerk in Sachsen

Wie lässt sich traditionelles handwerkliches Wissen bewahren und an die nächste Generation weitergeben? Im Interview mit Ron Claus von der Handwerkskammer zu Leipzig – einem langjährigen denkmal – Aussteller - geht es um Ausbildung, praktische Erfahrung, digitale Wissensvermittlung und die Bedeutung des internationalen Austauschs für die Denkmalpflege.

Herr Claus, die handwerkliche Denkmalpflege in Sachsen hat in den vergangenen Jahren einige Veränderungen erlebt. Wo stehen wir heute?

Nach dem Wegfall etablierter Bildungsangebote in Trebsen und Görlitz haben wir erlebt, wie aufwendig es ist, verlorene Strukturen wieder aufzubauen. Seit 2025 bieten die Handwerkskammern Leipzig und Chemnitz die Fortbildung zum Restaurator im Handwerk wieder aktiv in sechs Baugewerken an. In den ersten beiden Jahrgängen konnten wir fast 50 Teilnehmer für diesen Weg gewinnen. Dahinter ist inzwischen wieder ein großes Netzwerk aus Fachleuten, Betrieben, Institutionen und Praxispartnern entstanden.

Warum ist es gerade jetzt so wichtig, handwerkliches Wissen in der Denkmalpflege an die nächste Generation weiterzugeben?

Die Uhr tickt. Das Durchschnittsalter der uns bekannten Restauratoren im Handwerk in Sachsen liegt bei rund 58 Jahren. Für manche traditionellen Techniken gibt es nur noch wenige erfahrene Wissensträger. Dieses Wissen steckt nicht nur in Büchern, sondern in Erfahrung, Handgriffen, Materialkenntnis und jahrzehntelanger Praxis. Wenn es nicht rechtzeitig weitergegeben wird, lässt es sich später nur mit großem Aufwand wieder erschließen. Gerade bei traditionellen Handwerkstechniken, die Teil unseres immateriellen Kulturerbes sind, müssen wir dafür sorgen, dass die nächste Generation sie nicht nur kennt, sondern erlernt, anwendet und selbst weiterträgt.

Was müssen Handwerker zusätzlich lernen, um verantwortungsvoll an historischer Substanz arbeiten zu können?

Ausbildung und Meisterkurse müssen heute immer mehr aktuelle Regeln, Normen, Materialien und Verfahren vermitteln. Der zeitliche Umfang bleibt aber begrenzt. Mit jedem neuen Thema geraten Kenntnisse über frühere Bauweisen und traditionelle Techniken stärker in den Hintergrund.

Genau hier setzen Restaurator im Handwerk und Fachhandwerker für Denkmalpflege an. Sie richten den Blick bewusst auch zurück: Wie wurde vor 50, 100 oder 300 Jahren gebaut und warum? Welche Materialien standen zur Verfügung, welche Regeln galten und unter welchen Bedingungen wurde gearbeitet? Erst wenn ich das verstehe, kann ich historische Substanz fachlich einordnen, wertschätzen und angemessen weiterentwickeln.

Welche Rolle spielt die praktische Arbeit am historischen Objekt in Ihren Fortbildungen?

Handwerkliches Wissen lässt sich nicht allein im Seminarraum vermitteln. Deshalb arbeiten unsere Teilnehmer an realen Denkmalen und an Bauteilen im Maßstab 1:1. Jeder Kurs beinhaltet ein gemeinsames Praxisprojekt. Unsere Tischler beschäftigen sich beispielsweise mit der Restaurierung barocker Türblätter im Halben Schloss in Langenleuba-Niederhain, die Maurer mit der Planung und Umsetzung eines Zellengewölbes. Auf der denkmal 2026 soll in der Gläsernen Werkstatt der traditionelle Handabbund für ein Fachwerkmodell stattfinden. An solchen Projekten können anschließend verschiedene Techniken und Gewerke zusammengebracht werden.

Verleihung des Denkmalpflegepreises des Sächsischen Handwerks auf der denkmal, Bildnachweis: Rico Thumser

Wo braucht die Denkmalpflege heute Innovation und wo ist die überlieferte handwerkliche Lösung noch immer die beste?

Innovation ist für mich nicht automatisch Hightech. Gerade in der Denkmalpflege besteht Innovation häufig darin, für einen individuellen Bestand eine gute, materialverträgliche und langlebige Lösung zu entwickeln. Das verlangt viel Wissen und Kreativität von den Betrieben.

Gleichzeitig greifen wir in der Weiterbildung neue Technologien und Verfahren auf, Laserreinigung, Radiowellenverfahren, digitale Aufmaß- und Scanmethoden, und andere neue Möglichkeiten. Die Teilnehmer sollen diese Verfahren kennenlernen und ausprobieren und sich selbst eine fachliche Meinung bilden können: Wo bringt eine neue Technik tatsächlich einen Mehrwert? Wo ist sie für meine Anwendungsgebiete noch nicht ausgereift? Und wo bleibt die traditionelle handwerkliche Lösung sinnvoller?

Welche Rolle spielen digitale Angebote bei der Vermittlung traditionellen handwerklichen Wissens?

Seit 2023 beschäftigen wir uns im Förderprojekt zur zukunftsfähigen Wissensvermittlung in der Restauratorenausbildung intensiv mit der Frage, wie sich praktische Weiterbildung und digitale Wissensvermittlung sinnvoll verbinden lassen. Dazu gehören beispielsweise digitale Handbücher für Denkmalpraxis und Ornamentik, ein VR-Rundgang durch die Leipziger Philippuskirche, eines unserer Praxisobjekte, oder Videotutorials. Entscheidend ist immer die Frage: Wie können digitale Werkzeuge helfen, Wissen besser sichtbar, verständlich und langfristig verfügbar zu machen, ohne die praktische Erfahrung zu ersetzen?

Welche Themen wollen Sie in den kommenden Jahren zusätzlich aufgreifen?
Wir wollen das aufgebaute Netzwerk und unsere Erfahrungen nutzen, um weitere Themenfelder zu erschließen. Dazu gehört beispielsweise die Entwicklung eines Fortbildungsangebotes im Rahmen des Golehm-Netzwerks zur Sanierung von Massivlehmbauten als wichtigem Bestandteil der regionalen Baukultur in Mitteldeutschland.

Ein weiteres Vorhaben beschäftigt sich mit historischen Putzstrukturen und der Frage, wie Rezepturen, Herstellung, Reparatur und vor allem die konkreten Handgriffe erfahrener Fachleute digital dokumentiert und für die Wissensvermittlung aufbereitet werden können. Solche Ansätze könnten später auf weitere traditionelle Techniken übertragen werden.

Sie möchten verstärkt Begegnungsräume für die Denkmalpflege schaffen. Warum ist dieser Austausch so wichtig?
Denkmalpflege funktioniert nicht innerhalb eines einzelnen Gewerks. Handwerk, Architekten, Planer, Denkmalpflege, akademische Restauratoren und Wissenschaft müssen miteinander sprechen. Ebenso müssen die einzelnen Gewerke verstehen, wie ihre Arbeit am Objekt ineinandergreift.

Für mich besteht deshalb ein wichtiger Teil unserer Arbeit darin, Räume für Begegnung und fachlichen Austausch zu schaffen. Besonders spannend wird es, wenn daraus neue Ideen, Partnerschaften und konkrete Projekte entstehen.

Intarsienübungen bei den Restauratorinnen und Restauratoren im Tischlerhandwerk, Bildnachweis: Handwerkskammer zu Leipzig

Diesen Austausch suchen Sie zunehmend auch international. Was kann das Handwerk von Partnern aus anderen Ländern lernen?

Gerade unsere jüngsten Gespräche mit Partnern in Italien haben gezeigt, wie spannend ein Austausch anhand ganz konkreter fachlicher Themen sein kann. Wie gehen Handwerker in unterschiedlichen Ländern mit vergleichbaren historischen Konstruktionen um? Welche Materialien und Techniken werden eingesetzt? Wie unterscheiden sich Baustellenabläufe und regionale Traditionen?

Unser Ziel ist es, daraus konkrete Austauschformate zu entwickeln, in denen Handwerker verschiedener Regionen und Kulturen gemeinsam arbeiten und unmittelbar voneinander lernen. Gerade beim Erhalt traditionellen Erfahrungswissens stehen viele Regionen Europas vor ähnlichen Herausforderungen.

Welche Rolle spielt die denkmal in Leipzig für diese Arbeit und was können Besucher 2026 von Ihnen erwarten?

Die denkmal ist für uns weit mehr als eine Präsentationsfläche. Sie ist einer der wichtigsten Begegnungsräume für die handwerkliche Denkmalpflege. Hier treffen Betriebe, Denkmalpflege, Planung, Restaurierung, Bildung und Wissenschaft unmittelbar aufeinander.

Mit der Gläsernen Werkstatt wollen wir Handwerk praktisch erlebbar machen. 2026 wird dort unter anderem am Fachwerkmodell gearbeitet. Gleichzeitig zeigt der sächsische Gemeinschaftsstand die Vielfalt der sächsischen Handwerkstradition. In diesem Rahmen könne wir authentisch unsere Bildungs- und Beratungsangebote und Projekte vorstellen und direkt mit den Fachleuten ins Gespräch kommen.

Auch der Sächsische Denkmalpflegepreis gehört für uns bewusst in dieses Umfeld. Er macht sichtbar, welche Qualität, Lösungskompetenz und Innovationskraft in den Betrieben vorhanden sind.

Damit kommen auf der denkmal eigentlich viele Fäden unserer Arbeit zusammen: Bildung, traditionelles Handwerk, Innovation, Vernetzung, Anerkennung und vor allem der persönliche Austausch.

Weitere informationen der sächsischen Handwerkskammern zur handwerklichen Denkmalpflege in Sachsen sowie zu Fort- und Weiterbildungen wie die zum Restaurator im Handwerk gibt es unter sachsen-denkmal.de .

Gemeinschaftsstand des sächsischen Handwerks, Bildnachweis: Handwerkskammer zu Leipzig
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